Baracken – Bauernhäuser – Dachwerke: Bericht zum Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern im Jahr 2014 in Dachau
 
Am 23. Mai 2014 fand in Dachau das 32. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern statt, organisiert von Herbert May, Georg Waldemer und Ariane Weidlich. Die Veranstaltung mit insgesamt 10 Vorträgen und anschließendem Exkursionsteil bot ein breites inhaltliches Spektrum, das vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, von ländlichen Bauten aus der Region über Kirchendachwerke bis zu Behelfsheimen und Baracken reichte.
Nach Grußworten des Generalkonservators des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Mathias Pfeil, und der Heimatpflegerin des Landkreises Dachau, Dr. Birgitta Unger-Richter, gab Georg Waldemer eine Einführung zu Tagungsort und Programm.Der anschließende Vortragsteil startete mit dem Thema „Dachau und Umland“. Den Anfang machte Dr.-Ing. Christian Kayser (Büro Barthel und Maus, München) mit der bauhistorischen Analyse eines Bauernhauses, dem Wohnhaus des ehemaligen Dreiseithofes „Michlbauer“ in Purtlhof mit überraschenden Ergebnissen. So konnte der Nachweis geführt werden, dass das Wohnhaus bauzeitlich als Ständerbohlenbau (1607 d) errichtet worden war, vermutlich im 18. Jahrhundert wurden die Wände dann durch Mauerwerk ersetzt. Die Schadenskartierung zeigte, dass bereits zu jener Zeit massive Schäden am Westgiebel aufwies, was in der Folge zu einer Schrägstellung des gesamten Dachstuhls führte. Trotz der frühen Erbauungszeit konnte das Haus, das zu den ältesten bekannten bäuerlichen Bauten in der Region zählte, nicht vor dem Abriss gerettet werden.Die folgende Referentin, Frau Dipl.-Ing. Eva Fritz (Büro für Bauforschung, Weißenburg), stellte das städtebaulich markante Hörmann-Anwesen in Dachau vor. Der an der Hangkante des Schlossberges situierte Komplex, bestehend aus Gasthaus und Brauerei, geht auf das 16. Jahrhundert zurück und erhielt seine bauliche Ausgestaltung im Wesentlichen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die Untersuchung der insgesamt drei Kellerebenen sowie der Dachwerke ergab vier dicht aufeinanderfolgende Bauphasen von 1742 bis 1770.Als letztes Beispiel aus der Region präsentierte Dipl.-Ing. Oliver Lindauer (Büro für Bauforschung, München) die ehemalige Tafernein Erdweg, ein im Kern aus dem 16. Jahrhundert stammendes Gasthaus, dessen äußeres Erscheinungsbild im frühen 19. Jahrhundert überformt wurde.So waren die Fassaden des an der Hauptstraße gelegenen stattlichen Gebäudes mit aufwändigen Wandmalereien in Form von Heiligen – nachgewiesen wurden Florian und Sebastian – und Fensterrahmungen geschmückt.
Im zweiten Teil des vormittäglichen Programms ging es um „Bauten im Nationalsozialismus“. Markus Rodenberg (wissenschaftlicher Volontär am Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim) gab einen Überblick zu Behelfsheimen für Ausgebombte 1943 - 45: „Damit jeder Volksgenosse sein Heim zurückerhält“. Ausgehend von einem konkreten Beispiel der Museumsarbeit, dem Behelfsheim in
Ottenhofen, stellte Rodenberg weitere noch existente Beispiele aus dem Landkreis Neustadt/Aisch vor.In einem historischen Exkurs skizzierte er anhand von Bautypen, Entwürfen, Siedlungsplänen und Ausstattungsvorschlägen die Grundzüge nationalsozialistischer Wohnungsbaupolitik, die in Kriegs- und Notzeiten Behelfsheime als idyllische Mehrgenerationenhäuser propagierte. Außer dem fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim haben sich in den letzten Jahren verschiedene Freilichtmuseen des Themas angenommen und Behelfsheime transloziert (LVR Freilichtmuseum Kommern und Schwäbisches Bauernhofmuseum Illerbeuren). Auch der folgende Referent Lorenz Burger (wissenschaftlicher Volontär am Oberpfälzer Freilandmuseum Neusath-Perschen) berichtete aus einem laufenden Projekt: „Gefangenenlager und Gotteshaus. Baracken in der Oberpfalz“. Vom späten 18. Jahrhundert bis in die Nachkriegsjahre reicht die Geschichte der einfachen, oftmals militärisch genutzten Zweckbauten, die als mobiles Lazarett, Magazin, Gefangenenlager oder provisorischer Wohnraum für „DisplacedPersons“ dienten. In Amberg ist eine so genannte Barackenkirche bis heute Sakralraum der dortigen russisch- orthodoxen Gemeinde.
Auf die Mittagspause folgte der Block „Varia“ mit überregionalen Berichten zu Neuigkeiten aus der Hausforschung in Bayern. Nach Regensburg zurück ins 10. Jahrhundert wurden die TagungsteilnehmerInnenvon Dr. Silvia Codreanu-Windauer und Franz Herzig (beide Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) geführt. Die noch nicht abgeschlossene archäologische Grabungskampagne auf dem Gelände des Donaumarktes brachte bislang erstaunliche Befunde zur
frühmittelalterlichen Uferbebauung, die als Fragmente eines Holzgebäudes, vielleicht ein Fischerhaus, sowie eines Bohlenwegs interpretiert wurden. In den Feuchtsedimenten der historischen Uferzone, die deutlich näher an der Stadt verlief als heute, hatten sich Rundhölzer und massive Pfosten erhalten.Mittels C14-Methode konnten sie in die Zeit von 900 bis 975 datiert werden. Begleitende dendrochronologische Untersuchungen bestätigten diesen Zeithorizont und lieferten Erkenntnisse zu den verwendeten Holzarten Kiefer und Weißtanne.Der folgende Referent Dieter Gottschalk(Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim) widmete sich wieder Befunden über Erde, vom Mittelalter ging es in die Neuzeit, von der Oberpfalz nach Franken: „Gestupft oder gelocht: ein Putzmuster im Wandel der Zeit“. Gottschalk skizzierte anhand vieler Belegeaus Franken und Nordhessen Entwicklung und Varianten dieser Dekorationsform, deren Ursprünge er in Norditalien sieht. Ein frühes Beispiel nördlich der Alpen stellen die repräsentativen Massivbauten der Hofkanzlei in Ansbach dar, deren gestupfte und stark farbige Fassaden um 1600 datiert werden. Noch früher datiert die analoge Putzgestaltung am „Küchenbau“ des Residenzschlosses Neuburg a.D., die den 1530er Jahren zuzusprechen ist. Gestupfte Oberflächen in Verbindung mit eingeritzten oder eingeglätteten Fugen sollten  das Erscheinungsbild von sorgfältig bearbeitetem Quadermauerwerk erzeugen. Gestützt wird diese Interpretation durch Quellenbelege zum historischen Farbenhandel – in Materiallisten wird die Farbe ocker als „Steinfarbe“ bezeichnet. Zum Ende des Vortragsteils stellten zwei junge Absolventinnen des Masterstudiengangs Denkmalpflege der Universität Bamberg die Ergebnisse ihrer Abschlussarbeiten vor; beide waren von Dr. Thomas Eißing betreut worden. Susanne Nitschel hatte sich mit der Wallfahrtskirche Maria de Rosario in Dimbach (Landkreis Kitzingen) auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit standen Fragen zum Dachwerk, zur Datierung und zu vergleichbaren Bauten. Nitschel konnte durch Befunde am Dachwerk des Langhauses nachweisen, dass die Decke ursprünglich aus einer Holztonne bestanden hatte. Dendrochronologisch ließ sich das darüber befindliche Dachwerk, eine Sparrendachkonstruktion mit Kehlbalkenlage und Kreuzstreben, in die Jahre 1349-51 datieren. Insgesamt haben sich in Franken noch sieben spätmittelalterliche Holztonnen erhalten, die älteste von 1340/41 d in St. Magdalena in Herzogenaurach. Daneben sind immerhin noch sechs weitere nachweisbar. Die Dimbacher Wallfahrtskirche bildet damit derzeit das zweitälteste bekannte Beispiel der Region.Vermutlich gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde die spätmittelalterliche Tonne durch eine flache Balkendecke ersetzt, um 1767 dann im Zuge der barocken Überformung des Kirchenraums die rezente Stuckdecke eingebracht.Einen ebenfalls monografischen Ansatz verfolgte Johanna Besold in ihrer Masterarbeit zum Dachwerk der Wolfgangskirche in Puschendorf (Landkreis Fürth). Auch für diesen Kirchenbau diente St. Magdalena in Herzogenaurach als Vorbild. Mit den klassischen bauhistorischen Methoden des verformungsgerechten Aufmaßes und der Dendrochronologie konnte die Referentin nachweisen, dass bauzeitlich erst der Chor (1490 d) und dann das Langhaus (1495 d) errichtet wurden. Das spätmittelalterliche Gerüst über dem Langhaus – die Decke ist als holzverschalte Spiegeltonne ausgebildet – besteht aus einem zweifachen Kehlbalkendach mit liegendem Stuhlgerüst in der unteren Ebene und einem darüber befindlichen zweifach stehenden Stuhl. Insgesamt drei Hängehölzer mit Zugbalken bestimmen das Raumbild. Die zusätzlichen Querbalken stammen aus einer späteren Bauphase (1575 d). Am Dachtragwerk des Chores festgestellte historische Eingriffe (1692 d) ließen sich durch begleitende archivalische Recherchen erklären:Ein Wasserschaden hatte die Reparaturmaßnahme erforderlich gemacht.Der Vortragsteil ging zu Ende mit einem Bericht von Dr.-Ing. Thomas Eißing (Institut für Archäologie, Bauforschung und Denkmalpflege an der Universität Bamberg) zum imposanten Dachwerk der Dominikanerkirche in Bamberg, das seit rund 25 Jahren immer wieder Gegenstand von bauhistorischen Analysen ist. Die aktuellen Erkenntnisse wurden vom Referenten gemeinsam mit David Grüner und Studierenden der Jahrgänge 2010 bis 2012 erarbeitet. So konnten durch akribisch genaue Beobachtungen am Gefüge und mittels der Dendrochronologie für das 15. Jahrhundert drei verschiedene Varianten an Deckenausbildungen im Langhaus rekonstruiert werden. Bauzeitlich (1401/02 d) handelte es sich um eine nach oben, in den Dachraum hin offene Konstruktion, die vom Raumeindruck her vermutlich an eine riesige Scheune erinnerte. Knapp 50 Jahre später (1450/51 d) wurde die offene Konstruktion verbrettert. Dabei wurden an den für Holztonnen charakteristisch abgerundeten Kopfbändern des stehenden Stuhls wechselweise Bohlen und Bretter angenagelt. Eißing sprach in diesem Zusammenhang von der optischen „Illusion einer Wohnstube“. Wieder 30 Jahre später musste die Kastentonne durch eine zwischen den Gespärren zusätzlich eingebrachte Aufhängung statisch ertüchtigt werden. 1715/16 (d) erfolgte eine zeittypische Modernisierung und es wurde dierezente verputzte Halbtonne eingebaut. Das spätmittelalterliche Dachwerk wird heute durch ein filigranes Subsidiärtragwerk ergänzt. Die Längsaussteifung des 15 Meter hohen Dachwerks wird durch eine diagonale Schalung gewährleistet.
Abgerundet wurde das Jahrestreffen durch Exkursionsangebote zu sehr unterschiedlichen Zielen: So in der Altstadt von Dachau einschließlich des Schlosses mit der kunstgeschichtlich bedeutenden Holzdecke aus den Jahren um 1585, in die hinsichtlich Konstruktion und integrierter Heiztechnik bemerkenswerten Gewächshäuser der sogenannten Kräutergartenanlage („Plantage“) des KZ Dachau sowie nach Altomünster, wo die Organisatoren tatkräftig durch Professor Wilhelm Liebhart, einen ausgewiesenen Kenner seines Heimatortes, unterstützt wurden.
Ausdrücklich erwähnt werden soll die aktive Teilnahme des wissenschaftlichen Nachwuchses aus Universitäten und Freilichtmuseen, was wir als hoffnungsvolles Signal für zukünftige Treffen interpretieren.
 
Ariane Weidlich

 
 
 
Bericht zum Jahrestreffen 2013 des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern
Das Jahrestreffen 2013 fand gut besucht mit etwa 70 Teilnehmern in der Johanniterscheune des Kriminalmuseums in Rothenburg o.d.T. statt. Die zweitägige Veranstaltung sah am Freitag, 7.6.2013, ausschließlich die alte Reichsstadt betreffende Themen vor, während am folgenden Samstag, dem 8.6.2013, neue Ergebnisse aus ganz Bayern präsentiert wurden.
Nach der freundlichen Begrüßung durch den neuen Hausherren Dr. Markus Hirt und die zweite Bürgermeisterin der Stadt, Irmgard Mittermeier, und einer knappen Einführung durch Georg Waldemer gab Konrad Bedal, sicherlich der beste Kenner des mittelalterlichen Bauens in Franken, einen profunden Überblick zu den Häusern und Scheunen in der Stadt, die entgegen ihres durch den intensiven Tourismus geprägten äußeren Erscheinungsbildes in Wirklichkeit in weiten Bereichen noch spätmittelalterliche oder zumindest frühneuzeitliche authentische Architektur mit ortstypischen Beispielen aufweist. Allerdings hat das touristische Image offenbar dazu geführt, dass die an vielen Stellen wünschenswerte intensivere Erforschung von Bauten bislang unterblieben ist. Dennoch konnte der Referent wichtige Grundlagen der örtlichen Bauentwicklung vorstellen, die auch einen guten Eindruck von der historischen Bedeutung der Stadt gaben.
Anschließend kam der Kreisheimatpfleger und ehrenamtliche Archäologe Horst Brehm auf ausgewählte Befunde zu mittelalterlichen Bauten zu sprechen, die ebenso ältere Grundrisse wie auch Ausstattungsbefunde wie Kloaken etc. umfassten. Er konnte deutlich machen, welche wichtige stadtarchäologische Arbeit hier die ehrenamtlich tätige Gruppe leistet, wenn sich auch den  Außenstehenden nicht alle stadtgeschichtlichen Zusammenhänge unmittelbar erschlossen.
Den Abschluss des Vormittagsprogramms bildete der Vortrag des ehemaligen Leiters des gastgebenden Kriminalmuseums, Karl-Heinz Schneider, über sein Dissertationsthema, den Renaissancetrakt des Rothenburger Rathauses. Der Referent konnte anhand nicht nur von Stilformen, sondern auch schriftlichen Quellen eindrücklich nachweisen, dass neben einheimischen fränkischen Werkmeistern und Handwerkern hier auch erzgebirgische Meister tätig waren, die die aktuelle Entwicklung der Renaissanceformen in Sachsen aus eigener Tätigkeit kannten. Der Vortrag machte aber auch deutlich, wie wichtig eine ähnliche monographische Aufarbeitung für die älteren mittelalterlichen Teile des Rathauses wäre.
Nach der Mittagspause stellte Gert Thomas Mader, der langjährige verdienstvolle Leiter der Bauforschung am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, zwei bislang unveröffentlichte Beispiele für kombinierten Geschoß- und Stockwerksbau aus Rothenburg vor; hiermit traten nun zumindest für diese Bauten die von Konrad Bedal angemahnten vertiefenden Darstellungen ins Blickfeld. Ausführlich dargestellt wurde vor allem das Doppelhaus Judengasse 19/21, Teil eines größeren, von der Reichsstadt in Zusammenhang mit der Umsiedlung der jüdischen Gemeinde 1399d errichteten „Reihenhauses“ von vier Einheiten mit einem getrennt aufgesetzten, vorkragenden 2. Obergeschoss. Zweites Beispiel für diese Bauweise war dann das Haus Hofbrunnengasse 12.
Anschließend stellte Silke Walper-Reinhold mit dem sogenannten „Hegereiterhaus“ des Hospitalkomplexes, datiert 1591 und errichtet von Leonhard Weidmann als Massivbau, das Thema ihrer Bamberger Abschlussarbeit vor. Das Haus auf etwa quadratischem Grundriss, mit seinem spitzen Dach und dem vorgelagerten Turm - heute eines der Wahrzeichen von Rothenburg -  wurde für den Hospitalverwalter als Wohn- und Dienstgebäude errichtet und bezog im Erdgeschoss die große Hospitalküche mit ein; nach dem dort wohnenden Spitalbereiter kam im 19. Jahrhundert die Bezeichnung als „Hegereiter-Haus“ auf.
Schließlich stellte der um die Rothenburger Baugeschichte verdiente Architekt Eduard Knoll vor, welche wichtigen Erkenntnisse die überlieferten Aufnahmen der Kriegszerstörungen in Rothenburg liefern können. Es ist dem heutigen Touristen nicht bewusst, daß bei einem Bombenangriff im März 1945 etwa 40% der historischen Bausubstanz mehr oder weniger zerstört, in den ersten Nachkriegsjahren aber bereits wieder hergestellt wurden. Dabei hat man, soweit möglich, die historischen Bauten wieder aufgebaut, viele andere dagegen in konservativen Formen neu errichtet. Damit blieb für die Dokumentation der Zerstörungen nur ein relativ kurzes Zeitfenster. Es ist bemerkenswert, daß auch heute noch mit überraschenden Bildfunden aus Privatbesitz zu rechnen ist. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Aussagekraft privat erstellter Dokumentationsfotos stellt einen mittelalterlichen Großbau mit damals noch hochaufragenden Giebeln unmittelbar neben der älteren Synagoge am Kapellenplatz dar. Wahrscheinlich handelte es sich hierbei um das 1333 erstmals erwähnte Tanzhaus der Gemeinde, möglicherweise kombiniert mit dem Lehrhaus des berühmten Rabbi Meir von Rothenburg. Immerhin bleiben die Außenmauern dieses Gebäudes in einem aktuellen Neubau der Sparkasse erhalten.
Die anschließenden Exkursionen in die Stadt wurden in drei Gruppen durchgeführt, die sich dem
sogenannten „Hegereiter-Haus“, dem Rathaus und dem Haus der Ratstrinkstube widmeten. Bei einem gemeinsamen Abendessen bestand anschließend die Gelegenheit zum weiteren fachlichen Austausch.
Der zweite Vortragstag begann mit zwei Beiträgen zu Dachwerken. Thomas Aumüller, Bauforscher im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, stellte neue Befunde zu Dächern der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts aus Schwaben und Mittelfranken vor. Einen Schwerpunkt bildeten neu datierte stehende Stühle in Bürgerhäusern in Weißenburg und Memmingen aus der Zeit um 1325, welche interessante Frühformen dieser Konstruktionsart zeigen. Da in Kirchen dieser Region gleichzeitig noch stuhllose Dachwerke errichtet wurden, hielt der Referent einen Zusammenhang zwischen der Konstruktion und der Bauaufgabe hier für denkbar. Die anschließende Diskussion zeigte, dass dies nicht verallgemeinert werden könne, da es in anderen Regionen schon ältere Beispiele für stehende Stühle gerade auch in Kirchen gebe.

David Grüner trug anschließend Ergebnisse aus seiner Bamberger Masterarbeit vor: darin beschäftigte er sich mit Sparrendächern aus dem Raum Kempten im Allgäu in dem weiteren Zeitraum vom 14. bis 19. Jahrhundert, wobei auch Aspekte des Holztransportes behandelt wurden. Als besonders eindrucksvoll waren die anschaulichen grafischen Darstellungen des Referenten hervorzuheben.
Antonia Hager und Claudia Kemna stellten anschließend als Ergebnis ihrer gemeinsam erstellten Bamberger Masterarbeit eine Fachwerkscheune in Weigelshofen im Landkreis Forchheim vor. Beeindruckend war hier zu sehen, wie die intensive Beschäftigung mit dem auf den ersten Blick unscheinbaren Bau zu neuen Ergebnissen führte, wozu hier auch die umfassende Verwendung von zweitverwendeten Hölzern gehörte.
Die nächsten drei Vorträge waren unterschiedlichen Aspekten der Innenausstattung gewidmet. Georg Waldemer, Fachreferent an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen und einer der Organisatoren der Tagung, beschäftigte sich mit gedruckten Holztapeten von Benedikt Boos aus Baisweil bei Kaufbeuren als einem Beitrag zur Surrogatkultur in der Kunstindustrie des 19. Jahrhunderts. Der Beitrag basierte auf Geschäftsunterlagen und einigen gebundenen Sammlungen von Mustern des Herstellers, der besonders in Wien zahlreiche Abnehmer fand. Neben den vor allem in der Schweiz hergestellten Furniertapeten mit echtem Holz schätzte man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die rein illusionistischen gedruckten Holztapeten als „billigen“ (50% günstiger als eine echte Vertäfelung) Ersatz. Der Geschmackswandel gegen 1900 mit seiner Betonung der Materialgerechtigkeit allerdings führte dann zur Ablehnung des Surrogates.
Thomas Wenderoth, Referent in der praktischen Denkmalpflege in Franken, stellte dann ungewöhnliche Küchengestaltungen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus dieser Region vor, die aus großen, unregelmäßig angeordneten Punkten, oft in Rot, auf hellem Untergrund bestanden. Derartige dekorative Fassungen waren bislang unerkannt geblieben bzw. nicht weiter bekannt gemacht worden, sodaß der Referent hier Neuland betrat (Vgl. mittlerweile seinen Beitrag in Denkmalpflege Informationen 155 [2013], S. 29-31).
Herbert May schließlich, auch einer der Organisatoren der Tagung und Leiter des Freilandmuseums in Bad Windsheim, ging zusammen mit Dieter Gottschalk, Restaurator am Museum, auf historische Befunde zu Wärmedämmung und Wetterschutz am Haus ein, die deutlich machten, dass man auch in früheren Jahrhunderten schon bemüht war, den Wärmeverlust an den Gebäudeaußenwänden zu minimieren und dazu erfindungsreiche bauliche Lösungen entwickelte. Allerdings mussten sich im späten 17. und dann 18. Jahrhundert, oft ausgehend von den Stuckdecken, erst einmal auch die Sehgewohnheiten von der bisherigen Balkensichtigkeit zu wandüberdeckenden Fassungen ändern, um den Weg für dicke Lehmpakete auf den Innenwänden frei zu machen.
Zum Abschluss des Tagungsprogramms schließlich berichtete Tillman Kohnert von aktuellen Ergebnissen der Voruntersuchungen im Gebäudekomplex des Sebalder Pfarrhauses in Nürnberg, durch die nun der mittelalterliche Kernbau und die jüngeren Zubauten erstmalig deutlicher fassbar geworden sind.
Außerhalb des Programms fügte Klaus Freckmann, Berlin, vormals Leiter des Rheinland-Pfälzischen Freilichtmuseums Bad Sobernheim und langjähriges Vorstandsmitglied des überregionalen Arbeitskreises für Hausforschung e.V., zwei Kurzdarstellungen an:
Freckmann hat mit einer wissenschaftshistorischen Studie begonnen, welche die Erforschung historischer ländlicher Bauformen in Sachsen zum Thema hat. In dieser Arbeit soll u.a. den 49 in den Jahren 1941 bis 1943 erstellten Dokumentationen sächsischer Bauernhöfe, die als hervorragende Beispiele im Rahmen der Erfassung in „luftbedrohten Gebieten“ aufgenommen worden waren, der jeweilige Bestand 2012/2014 gegenübergestellt werden.
Insgesamt gab die Tagung einen guten Überblick zum Forschungsstand im Tagungsort Rothenburg und wichtige Einblicke in aktuelle Untersuchungen im übrigen Bayern.
 
 
Ulrich Klein, Marburg (IBD), Georg Waldemer

 
 
 
 
 
 
Kurzbericht über das 30. Jahrestreffen im ehemaligen Refektorium des Karmelitenklosters in Straubing Freitag, den 25.5.2012 von 9.45 Uhr - 19.00 Uhr

 
 
Das diesjährige Treffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern fand im Südosten Bayerns, in der ehemaligen Residenzstadt Straubing, statt.  Mehr als 50 Personen nahmen an der mittlerweile 30. Zusammenkunft des Arbeitskreises teil, den Generalkonservator Torsten Gebhard a.D. im Jahre 1979 gegründet hatte mit dem Ziel, v.a. in Bayern tätige Spezialisten aus der Haus- und Bauforschung zusammenzuführen, um den fachlichen Austausch zu fördern und neue Erkenntnisse noch vor ihrer Publikation  dem interessierten Kreis zugänglich zu machen.
Nach der Begrüßung durch Prior Pater Georg Bertram und einem Grußwort von Herrn Oberbürgermeister Pannermayr führte Alfons Huber in einem facettenreichen Beitrag in die Kulturgeschichte der Stadt Straubing ein und bot damit auch den Einstieg in den ersten bauforscherisch-hauskundlichen  Vortrag, den Karl Schnieringer / LfD unter dem Titel „Bürgerlicher Profanbau in Straubing“ als Sammlung von Forschungsergebnissen der letzten 3 Jahrzehnte zusammengestellt hatte.
Das vom Straubinger Drechsler Jakob Sandtner 1568 geschaffene Modell der Stadt kann – wie dies auch aufgrund seiner Modelle der anderen Residenzstädte Burghausen, Landshut, Ingolstadt und München möglich ist – zu Forschungen am historischen Baubestand herangezogen werden. In einer Reihe von knapp einem Dutzend Beispielen, so manche mittlerweile durch Neubauten ersetzt, kamen zweigeschoßige Kelleranlagen, Steinwerke des 14. Jahrhunderts, wie auch spätmittelalterliche Gasthäuser und von Umbauten des Barock geprägte Patrizierbauten zur
Darstellung. Auch Reste mittelalterlicher, profaner Wandmalereien hatte Schnieringer noch photographisch vor der Zerstörung festhalten können. Die unverkennbaren Bezüge zur Bürgerhaustypologie der Städte Regensburg und München wurde ebenso angesprochen.
Der anschließende Beitrag der Brüder Wolfgang und Walter Kirchner bot einen erhellenden Einblick in die Ergebnisse aus einer länger andauernden Beschäftigung mit der sogenannten „Hien-Sölde“ in Mitterfels, Landkreis Straubing-Bogen. Dieses Hauptgebäude eines kleinen Anwesens nimmt aufgrund seiner frühen Entstehungszeit einen besonderen Rang unter den ländlichen Blockbauten Niederbayerns und darüber hinaus ein: Das Erdgeschoß des großzügig geschnittenen Mittelflurhauses wurde nach dendrochronologischer Analyse mit 1436 eingeschlagenen Hölzern aufgezimmert und gehört damit zu den frühesten bekannten Konstruktionen auf dem Land im Blockbaugebiet Bayerns. 1617 setzte man einen Kniestock auf das Haus, Mitte des 19. Jahrhunderts folgte noch ein weiterer größerer Umbau. Durch Walter und Wolfgang Kirchners intensive und höchst detailgenaue Bauforschung sind nun auch Lage und Aussehen ursprünglicher Fenster und Türen geklärt wie auch die Ofen-Herd-Situation.    
Zu einem weiteren, statistisch gesehen frühen Blockbau der Region, dem Haus Römerstraße 14 in Ering am Inn, Landkreis Pfarrkirchen, trug Arch. Dipl.Ing. Werner Theuerkorn vor. Nicht alleine das hohe Alter des Wohnkerns – d 1505 – verdient hier Beachtung, sondern der konstruktionsanalytisch zweifelsfrei zu führende Nachweis, daß der dreigegliederte Kern mit Stube, Flur und Kammer ursprünglich als in sich geschlossene Struktur bestand, bis die in mehreren Phasen erfolgten Erweiterungen dann gegen 1775 ein Erscheinungsbild geschaffen hatten, das sich von vielen anderen Bauten der Region nicht mehr unterschied. Erst die Abnahme des Lehmverputzes hatte die angesprochenen Bauphasen im offen liegenden Holzgefüge erkennen lassen.
Direkt anschließend näherte sich der Berichterstatter in seinem Beitrag anhand einschlägiger archivalischer Quellen aus Ering am Inn und seiner nächsten Umgebung zwei Fragestellungen, die durch die Bauforschung am Haus Römerstraße 14 aufgetaucht waren: Kann der mehrphasige Ausbau als charakteristisch für die Gegend gesehen werden und welche Ofen-Herd-Situationen sind in früheren Jahrhunderten, insbesondere in bescheidenen Anlagen der Gegend, zu vermuten. Die Auswertung von Güterbeschreibungen gegen 1600 erbrachte eine Reihe von Hinweisen auf Erweiterungen, wie sie im Objekt in Ering vorgenommen worden waren und die in den Quellen als „Vorhaus“ erscheinen. Die Analyse mehrerer Dutzend Verlassenschaftsinventare, meist aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erbrachte unzweifelhafte Belege für das Kochen in der Stube im von dort aus zugänglichen Feuerraum, ein Befund, den Konrad Bedal in seiner umfassenden Untersuchung zu „Ofen und Herd im Bauernhaus Nordostbayerns“ schon 1972 für Teile Südostbayerns formuliert hatte.
Einen zeitlichen Sprung ins späte 19. Jahrhundert nahm Dr. Martin Ortmeier, Leiter der niederbayerischen Freilichtmuseen Massing und Finsterau bei seiner Darstellung zum „Salettl“ aus Passau-Mariahilf, welches künftig im Freilichtmuseum Finsterau die Gaststätte ergänzen wird. Bereichert mit einer Reihe historischer Photographien, die die begleitenden Recherchen gehoben hatten, ging Ortmeier auf die Funktion solcher Bauten im Rahmen der historischen Freizeitkultur ein. Die restauratorischen Befunduntersuchungen an diesem partiell durch Verwahrlosung stark geschädigten Bau, haben eine durchaus qualitätvolle Fassung v.a an den profilierten Holzteilen zu Tage gefördert. Die Anklänge an architektonische Musterblätter der Zeit sind augenfällig.
Prof. Dr. Konrad Bedal, vormaliger Leiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, ging in seinem Referat auf Badestuben und Badhäuser in Franken ein. Anlaß dazu gab die bevorstehende Transferierung des im Kern auf 1450 zu datierenden Badhauses in Wendelstein südöstlich von Nürnberg. Detailliert konnte Bedal aufgrund der am Objekt intensiv geführten Bauforschung eine Rekonstruktion des ursprünglichen Erscheinungsbildes dieses Funktionsbaues darbieten. Über einem aus Sandstein aufgeführten Erdgeschoß erhob sich ein einhüftig angelegtes Fachwerkgefüge mit zwei Bohlenstuben und rückwärtiger Abwalmung. Die in den archivalischen Quellen angesprochene Nutzung durch drei Parteien in diesem Gebäude spiegelt sich auch in der ungewöhnlichen Raumstruktur wider. Bedal fügte der Einzelbetrachtung eine Reihe weiterer Erörterungen hinzu, die den Bau und Betrieb von Badstuben in den regionalen Kontext einbetteten. Einen Überblick über erhaltene und dokumentierte Vergleichsbeispiele, bei denen auf die Arbeiten von Johannes Cramer und Birgit Tuchen aufgebaut werden konnte, ergänzte der Vortragende durch zahlreiche archivalische Nachweise aus mittelalterlichen Quellen. Abschließend ging Bedal auf das
bislang kaum untersuchte Phänomen privater Badstuben ein, die durchaus nicht selten gewesen zu sein scheinen. Meist wird man sich dabei den mittels einfacher Konstruktion von der Stube abgetrennten Ofenwinkel („Ofenbruck“) vorzustellen haben.
Ariane Weidlich M.A. ergänzte zum Thema mit ihrem Beitrag über das Badhaus in Huglfing, Landkreis Weilheim-Schongau in Oberbayern, welches mittlerweile von privater Hand saniert wurde. Die im Rahmen der Dokumentation für das Freilichtmuseum an der Glentleiten erstellten Photographien lassen zusammen mit einem Aufmaß, das vom LfD im Jahre 2005 veranlaßt worden war, die wichtigsten Merkmale dieses Gebäudes erkennen: Der bis auf den rückwärtigen Wirtschaftsteil massiv erstellte Bau besaß im Erdgeschoß unter Kreuzgratgewölben als bauliche Zeugnisse der Nutzung noch den Baderaum mit Resten von Sitzgelegenheiten, die aufwändige Ofenanlage und Bodenbeläge aus großformatigen Sandsteinplatten.
Adalbert Wiechs Beitrag, dem einzigen zu restauratorischen Befunduntersuchungen, befasste sich systematisch mit Quadermalerei im Raum Nürnberg. Den frühesten Befund dieser Art hat Wiech in der Nürnberger Klarakirche ermitteln können, wo bereits im späten 13. Jahrhundert im Inneren des Chores ein Fugennetz aufgemalt worden ist. Am Bürger- und Bauernhaus des Nürnberger Raumes erscheint die Quadermalerei dann verstärkt ab dem 16. Jahrhundert und hält sich bis weit ins 19. Jahrhundert, teilweise sogar noch darüber hinaus. Wiech nahm auf der Grundlage seiner eigenen vielfältigen Befunde eine zeitliche Einordnung vor, nach der die Quadermalerei zunächst mehr von Grautönen dominiert war. Erst später sind dann die für Nürnbergs Baukultur so typischen Rottöne bestimmend geworden.
Den zweiten Teil des Treffens bildeten in traditioneller Weise die Exkursionen. In drei Gruppen auf drei Rundgängen konnten die TeilnehmerInnen wichtige Bauten der Stadt unter kundiger Führung  kennenlernen und dabei charakteristische Aspekte wie doppelgeschoßige Kelleranlagen, großzügige Patrizierhäuser und Dachwerke und selbst näher inspizieren.
Abschließend brach etwa die Hälfte der Teilnehmer auf zu einem konstruktiv beachtlichen Pfarrstadel in Kirchroth von 1752 und zur bereits angesprochenen Hien-Sölde in Mitterfels, die durch das nicht nachlassende, hochzuschätzende Engagement eines Fördervereines in Teilen instandgesetzt werden konnte und wohl auch in absehbarer Zeit einer diesem Denkmal angemessenen Nutzung zugeführt werden kann.
Dem lokalen Vertreter der Unteren Denkmalschutzbehörde, Herrn Dipl. Ing. Erwin Hahn ist herzlich zu danken für die intensive Unterstützung bei der Organisation des Treffens, insbesondere der Exkursionen.

Georg Waldemer

 
 
 
 
Bericht über das 29. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern
am 22. und 23.05.2011 in Iphofen, Unterfranken


 
Das 29. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern fand im laufenden Jahr in Iphofen unweit Kitzingen in Unterfranken statt, einer Stadt, deren Namen Vielen wegen der exzellenten Weinlagen auf dem benachbarten Keuperhängen und oder auch wegen der Firma Knauf geläufig sein dürfte, die den regional traditionell abgebauten Gips zu Ri.Gips-Platten verarbeitet. Als Vortragsraum wurde den Veranstaltern vom privat betriebenen Knauf-Museum der zugehörige Festsaal freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Herrn Mergenthaler, Leiter des Museums, ist dafür herzlich zu danken.
 
Das Treffen setzte nach der Begrüßung der bereits am Sonntag angereisten Teilnehmer durch Herrn 1. Bürgermeister Josef Mend mit einer sachkundigen und aspektereichen Führung durch die Kirchen der Stadt durch
Dr. Josef Endres ein.
In liebenswürdiger Weise wurde die Gruppe anschließend von Herrn Wirsching sen. empfangen, Eigentümer des seit 1630 kelternden Betriebes gleichen Namens, der nach einer Führung durch die Weinkeller unter einem stattlichen Fachwerkbau von 1706/1712 gute Tropfen des Hauses zur Degustation reichte.
 
Für den Abendvortrag war
Prof. Dr. Konrad Bedal gewonnen worden, der der Frage nachging, ob das „Weinbauernhaus“ als historischer Haustyp existiert habe und dabei vornehmlich die Verhältnisse in Franken untersuchte.
Als signifikante Kennzeichen von Hauptbauten in Weinbaugebieten identifizierte Bedal die oft als Durchfahrt ausgeformte Halle für die Aufstellung der Kelter und damit den Ort der Produktion des Rebensaftes und an zweiter Stelle den Keller für die klimatisch angemessene Lagerung. Manche der Häuser sind komplett unterkellert – diese Gewölbe vermutlich oftmals deutlich älter als die Strukturen darüber und dann mit Balkendecken versehen – und verfügen über bis zu 5 Meter hohe, kühle Lagerräume. Etwa in der Hälfte der Fälle liegt der Keller unter der Scheune. Daneben gab es auch eigene Kellerhäuser und die Lagerung der Weinfässer in den Gaden von Kirchenburgen.
Die Kelter, oder mainfränkische „Kalter“, also die Weinpresse war in zweierlei Form üblich: als Baumkelter (mit großem Hebelarm)und als Dockenkelter (mit Schraubpresse). Für den erstgenannten Typus, der in der Donaugegend anzutreffen war, errichtete man offenbar des Platzbedarfs wegen auch eigene Bauten in den Weinbergen. Als Beispiel aus dem 14. Jahrhundert ist das Exemplar bei Bach an der Donau mittlerweile zu einem kleinen Museum ausgebaut worden.
Rätselhaft erscheint, warum gerade in Unterfranken, das traditionell von Gemeinschaftsbauten geprägt war, keine Gemeinschaftskelter wie andernorts anzutreffen sind. Bedals Vortrag machte auch deutlich, wie variantenreich die Ausprägungen bzw. Lösungen baulicher Integration der Betriebsräume für den Weinbau in Mainfranken sind, ganz zu schweigen von weiteren Varianten in anderen Weinbauregionen Europas.
 
Am Beginn des Programmes vom Montag stand nach der Begrüßung und Einführung durch
Georg Waldemer ein Beitrag von Reinhard Hüßner M.A., Leiter des unweit entlegenen Kirchenburgmuseums Mönchsondheim, der im Übrigen die Veranstalter bei den Vorbereitungen mit großem Engagement unterstützt hatte, zu „Kirchenburgen in Mainfranken“. Bei Kirchenburgen handelt es sich um eine besonders in Unterfranken mit mehr als 100 Beispielen nachgewiesene Bauform, bei der ein Kranz sogenannter „Gaden“, worunter man sich individuell zugängliche Abschnitte mit gemauertem Keller und Fachwerkgeschoßen darüber vorzustellen hat, in Friedenszeit der Einlagerung von Feldfrüchten, in Kriegszeiten auch dem Schutz der Bevölkerung dienten. Unter den von Hüßner präsentierten Beispielen waren die Anlagen von Birkenfeld, Segnitz, Oberstreu, Geldersheim und Kleinlangheim.
Man geht davon aus, daß am Beginn eine Umfassungsmauer stand, die an der Innenseite wohl mit einfachen Holzbauten versehen war. Erst in späteren Phasen kamen ein zweiter gemauerter Innenkranz mit Fachwerkunterteilungen und Kelleranlagen hinzu.
Die frühesten exakt datierten baulichen Reste finden sich in der Kirchenburg von Hüttenheim mit Fachwerkteilen von 1315 (d) und in Willanzheim, wo sich eine Gadenwand von 1330 (d) erhalten hat, die erst sekundär mit zwei Kellergeschoßen unterbaut wurde. Nach Verlegung der Bestattungen außerhalb der Kirchenburg wurde es möglich, die Kellervolumen durch Anlage von Kellerhälsen zu vergrößern. In einzelnen Orten bilden die Gaden ein relativ regelmäßiges Rechteck, wie beispielsweise in Hüttenheim. Andere Kirchenburgen, wie die Anlage in Kleinlangheim, waren früher von einem schützenden Wassergraben umgeben. In den Orten Herrnsheim und Eichfeld, aber auch in Hüttenheim, hat man schon vor geraumer Zeit bei einzelnen Gaden die Fachwerkaufbauten entfernt, die gemauerten Keller aber unter neuen Dächern beibehalten.

Matthias Wieser konzentrierte sich in seiner Präsentation „Wesen und Wandlung einer fränkischen Kirchenburg“ auf die Baugeschichte der Anlage in Mönchsondheim, die seit 1981 zu musealen Zwecken genutzt wird. Im Vorfeld zur Sanierung und Aktualisierung der dort eingerichteten Präsentation war Wieser für eine umfassende Baudokumentation des komplexen Bestandes, der in seinen ältesten Teilen bis etwa 1430 zurückreicht, beauftragt worden. Aus dieser Zeit haben sich knapp 50 hölzerne, als Spolien verbaute Bauglieder erhalten, die nach intensiver Untersuchung eine zumindest partielle Rekonstruktion des Gefüges aus dem 15. Jahrhundert erlauben. Starke Eingriffe erfuhr die Anlage nach einem Umbau von 1698, der noch im Zusammenhang mit dem Einsturz der von den Kirchengaden umschlossenen Kirche im Jahr 1638 stand, dann im 18. Jahrhundert (1707, 1717, 1736). Dabei wurden immer einzelne Abschnitte des Gebäudekranzes, in der Regel vom Keller über zwei bis drei Geschoße bis in das Dachgeschoß hinauf, neu errichtet. Spätere Zeiten haben nur noch Unwesentliches verändert oder hinzugefügt.
 
Thomas Köberle, Dresden, informierte über ein Forschungsprojekt zu ornamentierten Putzen in Franken, das gemeinsam von den Freilandmuseen Fladungen und Bad Windsheim in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege angestoßen worden war. 1938 hatte Kilian Schiefer mit seiner Publikation „Der fränkische Kratzputz“ die Grundlagen für eine systematische Beschäftigung mit diesem Thema gelegt, zu dem Reinhard Hüßner (2003) und Konrad Bedal (2008) ergänzende Beiträge geliefert hatten. Ein Kerngebiet der Verbreitung erfaßte man in einer ersten Phase mit den Landkreisen Haßberge, Rhön- Grabfeld und Bad Kissingen. Tatsächlich reicht das Verbreitungsgebiet weit ins Mittelfränkische hinein und findet seine Fortsetzung v.a. im nördlich angrenzenden Hessen. Die systematische Inventarisation in 46 unterfränkischen Ortschaften dokumentierte 397 Gebäude – fast ausnahmslos landwirtschaftliche Nebengebäude - deren Dekore von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts datieren. Deutlich erkennbar sind einzelne „Gestaltungsprovinzen“, die sich durch die Tätigkeit einzelner Handwerker erklären lassen und ein Aufblühen dieser Dekorationsart in den Jahren nach 1900. Festgehalten werden im Rahmen dieses Projektes die Herstellungsmethoden, wie sie aus den Werkspuren und den traditionell eingesetzten Werkzeugen zu erschließen sind und die verwendeten Materialien. Es ist zudem ein Ziel des Projektes, Grundlagen für geeignete Verfahren zur Restaurierung dieser bescheidenen, aber regional typischen Gestaltungsweisen zu entwickeln.
 
Im Mittelpunkt des Vortrags von
Hans-Christof Haas, Referent des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, standen zwei ehemalige Synagogenbauten aus dem Landkreis Kitzingen. Haas hat im Rahmen eines Dissertationsprojektes insgesamt 150 einstige Synagogen untersucht. Die Synagoge in Obernbreit wurde 1748 erbaut und 1912 profaniert und verkauft, nachdem fast alle Juden die Ortschaft verlassen hatten, um sich an verkehrsgünstigeren Stätten niederzulassen.
Das Gebäude wurde in der Folgezeit durch die Nutzung als Maschinenhalle, Reparaturwerkstatt und Abstellraum völlig überformt, vor allem im Hinblick auf die Binnengliederung. Nur noch die Außenwände und Teile der Deckenkonstruktion stammen aus der Bauzeit. Der tonnengewölbte Keller ist augenscheinlich älter, da er nicht mit dem Hausgrundriss übereinstimmt. Im Zuge intensiver Bauforschung steht der Grundriss der Synagoge mit der Wohnung für den Lehrer oder Kantor, dem Männer-Betsaal und der Frauenempore mittlerweile klar und deutlich vor Augen, auch ein den Betsaal überspannendes Holztonnengewölbe ist nachweisbar. Die Entdeckung einer bis dato verschütteten, gut erhaltenen Mikwe in 10 Meter Tiefe komplettiert das Raumprogramm der Obernbreiter Synagoge. Um deren Erhalt bemüht sich ein Verein, der sich die Rekonstruktion des Gebäudes zum Ziel gesetzt hat, um es langfristig als Raum für Begegnungen zu nutzen.
Die zweite Synagoge, die Haas vorstellte, steht in Wiesenbronn. Erbaut wurde das Gebäude 1792, im Jahre 1938 kam es in Zusammenhang mit der Auflösung der jüdischen Gemeinde durch die Nationalsozialisten zur Schließung der Synagoge. Sie kam in Privatbesitz und diente fortan als Wohnhaus. Bedingt durch einen Besitzerwechsel wird das Gebäude, das ein relativ flaches Mansarddach aufweist, seit einigen Jahren auf denkmalpflegerisch höchstem Niveau instandgesetzt.  Die Fassaden zeichnen sich durch einen spannungsreichen Kontrast von verputzter, lisenengegliederter Traufseite in klassizistischer Formensprache und der sandsteinsichtigen Giebelseite aus. Den Höhepunkt bildet der Betsaal mit Frauenempore im Obergeschoss mit einer aufwändigen Schablonenmalerei (Sternenhimmel), die in die Zeit um 1890 datiert wird.
 
Christian Schmidt, Referent des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, referierte über so genannte Doppelhäuser – ein Phänomen, das in den von Schmidt betreuten nordunterfränkischen Landkreisen Bad Kissingen, Rhön-Grabfeld und Hassberge häufig anzutreffen ist. Insgesamt 40 Hausbeispiele sind dort bislang eindeutig als von zwei Parteien bewohnte Doppelhäuser definiert, vornehmlich in städtischem Kontext, so in Königsberg, Fladungen, Haßfurt oder Ostheim vor der Rhön. Während im Allgemeinen das spiegelsymmetrisch geteilte Doppelhaus dominierend ist, haben wir es in Bad Brückenau mit einer Sonderform zu tun: Hier sind die Doppelhäuser im Wohnbereich meist horizontal, also geschossweise geteilt, während im Dach eine Querteilung vorliegt.
 
Karl Schnieringer, Bauforscher am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, stellte in seinem Beitrag „Ein Handwerkerhaus (?) von 1260“ ein Holzbaugefüge des 13. Jahrhunderts aus Regensburg vor.
In den bislang erfassten mittelalterlichen Baustrukturen in Regensburg dominiert  der Steinbau. Die hölzernen Bohlenstuben in Ständer- oder in Blockbau sind in der Regel als Einbauten in Massivbauten eingestellt. Beispiele solcher Konstruktionen finden sich u. a. im sogenannten „Runtingerhaus“ (d um 1300) und im sog. Oswaldturm (d 1354). Ursprünglich waren jedoch auch die Regensburger Bürgerhäuser Holzbauten, der Steinbau beschränkte sich auf Patrizierburgen und die rückwärtig an die Häuser der Kaufleute angebauten feuersicherer Speicherbauten. Der hölzerne Baubestand eines solchen Hauses hat sich in Regensburg nur in einem einzigen Objekt dem sogenannten Kepler´schen Wohnhaus Keplerstraße 2 erhalten, dessen zwei Obergeschosse in relativ kurzer Folge nacheinander errrichet wurden (d 1325, 1338, Publikation durch die Brüder Kirchner in Vorbereitung).
Im Rahmen der Sanierung des schmalen kleinen Häuschens Ortnergasse 3 fand sich im Frühjahr 2011 ein Holzgefüge des 13. Jahrhunderts. In der Besitzergeschichte sind bis in das Jahr 1681 zurück Schneider als Besitzer nachweisbar. Das Haus  war ursprünglich ein reiner Holzbau, ohne steinerne Brandmauern und ohne den oben genannten steinernen Anbau. Wenngleich nur in Fragmenten und stark verbaut erhalten, gelang es Schnieringer, der sich für Mitarbeit und Unterstützung von Seiten Roland Benkes und der Gebrüder Kirchner bedankte, wesentliche konstruktive Charakteristika des dendrochronologisch auf 1260 datierten Gerüstes herauszuarbeiten.
Das Holzgerüst ist ein stockwerksweise abgezimmerter Ständerbau mit über Hausbreite gespannten Unterzügen und einer Längsbalkenlage. Das nur fünf Meter breite und nicht ganz doppelt so tiefe Häuschen war ursprünglich durch einen Mittelunterzug in zwei Deckenfelder aufgeteilt, über die die Balkenlage durchlief. Die Deckenbalken sind großenteils baumrund belassen,  die Verbindungen beschränken sich teilweise auf eine dem runden Querschnitt des Unterzugs folgende Abarbeitung der Oberseite des Ständers.  Aussteifende Verstrebungen fehlen völlig. Für die Standfestigkeit sorgten stattdessen Bohlenfüllungen zwischen den Ständern, die anhand von Nuten in den Ständern zu rekonstruieren sind.  Die Ständer waren mit einer Steinpackung unterfüttert, die als Punktfundament diente. Am Fuß waren sie offenbar mit schwellenartigen Riegelhölzern untereinander verbunden, auf die anhand einzelner Zapfenanschlüsse und Resten von Holz zu schließen ist. Diese dienten als Schwellen für die  Wandfüllungen. Im Obergeschoss fanden sich Reste einer Bohlenstube, die mit der Datierung auf 1260 die älteste der Regensburger Bohlestuben ist. Konstruktiv war sie Teil der Gerüststruktur des Hauses, das offenbar ringsum eine Wandfüllung aus waagerechten Bohlen besaß. Für die Aufnahme der Wandfüllungen sind die Ständer auch in Richtung der Diele genutet. An der erhaltenen Eingangsseite von der Diele zur Bohlenstube ist trotz des geringen Abstands zwischen Eckständer und Türständer ein weiterer Ständer dazwischengesetzt, der für den Anschluss einer Wand gebraucht wurde, die von der Diele eine Kammer abgrenzte.
 
Michael Scheffold, Bauforscher aus Bad Windsheim, befasste sich in seinem Vortrag mit der Baugeschichte des MAN-Stahlhauses, das nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Maschinenbauunternehmen zur Linderung der Wohnungsnot und als Kompensation für die vorläufig stillgelegte Rüstungsproduktion  in sein Produktprogramm aufgenommen wurde. Mit dem MAN-Stahlhaus aus dem Weiler Nerreth (Markt Wendelstein, Landkreis Roth) besitzt das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim einen 1949 erbauten Prototypen, der im September 2011 eröffnet wird. Die Geschichte des Stahlhauses als Systembau geht bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert zurück: Während des Ersten Weltkriegs waren zahlreiche mobile Barackenbauten aus Stahl im Einsatz. Die Stahlhäuser der MAN zeichnen sich durch ein durchdachtes, platzsparendes Innenausbaukonzept aus, bei dem Wandschränke wandbildende Funktionen wahrnehmen, wobei die Heizkörper der Zentralheizung ebenfalls in das Wandschranksystem integriert ist. Ein Badezimmer ist im Haus ebenso vorhanden wie eine Einbauküche. Die Außenwände bestehen außen aus Metall und innen aus Hartfaserplatten, dazwischen ist eine Schicht aus gepresster Glaswolle. Trotz des fraglos innovativen Konzepts waren die Stahlhäuser für die MAN kein großer wirtschaftlicher Erfolg: 1953 stellte man die Produktion bereits wieder ein, nachdem gerade mal eine Stückzahl von ca. 230 Gebäuden gefertigt worden war.
 
Bei den anschließenden Exkursionen hatten die Teilnehmer die Wahl zwischen der ehemaligen Synagoge in Obernbreit, die Hans-Christof Haas im Rahmen seines Vortrags (s.o.) vorgestellt hatte oder zur Kirchenburg in Mönchsondheim. Zum  Abschluß traf man sich an der ehemaligen Synagoge in Wiesenbronn, die in jüngerer Vergangenheit von privater Hand behutsam heutigen Wohnansprüchen angepaßt worden ist.
 
 
Herbert May, Georg Waldemer
 
 
 
 
Bericht über das 28. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern am
3. und 4. Dezember 2010 im Fränkischen Freilandmuseum, Bad Windsheim

 
Nachdem im Jahr 2008 das Fränkische Freilandmuseum Bad Windsheim Treffpunkt für das Jahrestreffen des Arbeitskreises gewesen war, fiel auch für 2010 die Wahl auf diesen Tagungsort. Anlaß für diese Entscheidung war das Ausscheiden von Prof. Dr. Konrad Bedal, seit 1977 Leiter dieses überregional renommierten Museums, aus dem aktiven Dienst. Insoweit wollten die Organisatoren (Ariane Weidlich / Freilichtmuseum Glentleiten; Herbert May / Fränkisches Freilandmuseum und seit Beginn des Jahres 2011 Leiter dieser Einrichtung, Georg Waldemer) Prof. Bedal. Reverenz erweisen für ein weitgespanntes wissenschaftliches Werk, in dem die Hausforschung über die Jahre den Mittelpunkt bildete. Eine Reihe von Referenten nahm in den individuellen Beiträgen denn auch Bezug auf die Bedeutung von Konrad Bedals bisherigem Schaffen aus der jeweiligen persönlichen Sicht.
 
Den Auftakt der Referatsfolge bildete ein kritischer und kurzweiliger Beitrag von
Dr. Sylvia Codreanu-Windauer (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) mit dem Titel „Am Anfang war der Pfostenbau“. Die Referentin begleitete einen kurzen Abriß der Geschichte des Pfostenbaues, so wie er aus archäologischen Befunden ableitbar ist, mit methodenkritischen Anmerkungen zur Interpretation von Pfostenlöcherbefunden und darauf aufbauenden Rekonstruktionen: Insbesondere bei mehrphasigen Befundlagen mit dichter bzw. unklarer Stratigraphie lassen die dicht gestreuten Pfostenstandpunkte unterschiedliche Deutungen von Grundrissschemata zu. Darauf  rekonstruierend aufbauende Vorstellungen konstruktiver Gefüge können somit erheblichen Unsicherheiten unterworfen sein. Als amüsante Pointe aus jüngerer Vergangenheit berichtete Codreanu-Windauer von der Auffindung zweifelsfreier Pfostenüberreste auf der steinernen Brücke in Regensburg – die sich allerdings nach Konsultation archivalischer Quellen als nicht sonderlich altertümlich entpuppten: Eine um 1840 auf der Brücke errichtete Ehrenpforte hatte diese Spuren hinterlassen.
 
Im Anschluß stellten Walter und Wolfgang Kirchner ihre in den letzten Jahren gewonnenen Forschungsergebnisse an einem Haus in Oberndorf vor, flussaufwärts von Regensburg an der Donau gelegen. Insgesamt war es den Referenten gelungen, in der langen Baugeschichte des Anwesens, die sich bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurückverfolgen ließ, 21 Phasen zu isolieren. Gegenstand der Darstellung im Vortrag waren die ersten 7 Phasen, die bis in die Zeit um 1500 führten.
Auf vermutlich mit Legschindeldach bedeckte Vorgängerbauten in Pfostenkonstruktion folgte mit großer Wahrscheinlichkeit im 14. Jahrhundert eine mehrphasige Versteinerung der Einfirstanlage, die sich überzeugend mit periodisch aufgetretenen Eisstößen erklären lässt. Die erste Phase massiver Auswechselung konzentrierte sich noch auf diejenige Zone des Gebäudes, die unmittelbar von dem zerstörerischen Eisgeschiebe erfasst wurde. Als zweiten Hinweis auf strategischen Umgang mit Gefährdung durch den Fluß sprachen die Gebrüder Kirchner den kräftigen Niveauversprung zwischen Flur und Stube an, der dem Erschließungsraum wohl eine Art Vorfluterfunktion zuwies. Noch im 14. Jahrundert erfolgte eine traufseitige Erweiterung, Erhöhung und damit einhergehend der Wechsel zur Kalkplattendeckung.
In die Auswertung der auf minutiöser Beobachtung baulicher Spuren fundierten Interpretation waren auch archäologische Kräfte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege einbezogen gewesen. Eine Publikation dieser in ihrer Differenziertheit und Klarheit der Darstellung vorbildlichen Leistung wollen die Organisatoren der Tagung tatkräftig unterstützen.
 
Prof.Dr. Gert T. Mader, gewissermaßen Doyen der wissenschaftlichen und auf archäologischer Methodik fundierten historischen Bauforschung in Bayern, fügte eine weitere methodenkritische Darstellung an: Mader machte an fragwürdigen Details konstruktiver Rekonstruktionen deutlich, daß solche über Publikationen tradierte Fehler durch Quellenkritik und unvoreingenommene Prüfung auf baupraktische Plausibilität aufgeklärt werden können – und sollten. Die prüfenswerten Befunde waren an Gebäuden in Basel, Amorbach, Dinkelsbühl, Kempten, Lübeck und Greifswald gewonnen worden. Die Nachvollziehbarkeit der baugeschichtlichen Beweisführung für die Fachwelt und nicht zuletzt auch für spätere Generationen hängt wesentlich davon ab, ob ein Bestandsinventar der Bauglieder vorliegt, welches frei ist von ergänzenden bzw. rekonstruktiven Anteilen.
 
Herbert May M.A.
, stellvertretender Leiter des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim, nahm in seinem Vortrag das Gebäudeprogramm größerer Bauernhöfe im Gebiet um Nürnberg in den Fokus, das sich bei weitem nicht nur auf Wohn(stall)haus und Scheune beschränkte, sondern noch weitere Baulichkeiten umfassen konnte wie Schweinestall, Schupfen, Backofen, Hofkasten/Hofhaus, „Feuerküchen“, Rübgruben oder auch separate große Stallgebäude. Von besonderem Interesse sind die „Hofhäuser/Hofkästen“, die multifunktional genutzt wurden und im Baubestand der Region noch zahlreich überliefert sind, wobei ein großer, bauhistorisch so gut wie nicht untersuchter Bestand aus dem 18. Jahrhundert stammt. Genutzt wurden die Hofkästen/Hofhäuser als Austragswohnungen, Vorrats- und Futterkammern, Knechtkammern, Backöfen, Wagenschupfen und sogar als Badstuben. Zu privaten, bäuerlichen „Badstuben“ in Franken konnte im Rahmen des Referats erstmals ausführlicher berichtet werden: Häufig waren sie Bestandteil des Backhauses, in welches die Badstube als Raum oberhalb des Backofens integriert war und als Schwitzbad fungierte. Die Existenz einer Badstube war jedoch eindeutig an die Hofgröße gekoppelt, denn nicht jeder konnte sich eine private „höfische“ Badstube auf seinem Bauernhof leisten.
Quellenhinweise zu „Rübgruben“ liegen vermehrt aus dem 17. und vor allem dem 18. Jahrhundert vor und sind ein Indikator für den in jener Zeit intensivierten Rüben- und Krautanbau in der Region. Genutzt wurden die Gruben – mittels eines eingelassenen Wasserbeckens – aber auch zur Lagerung von Milch und sonstigem Marktgemüse, welche zum Verkauf in der nahen Großstadt Nürnberg bestimmt waren. Diese Rübgruben waren leicht eingetiefte, meist ungeteilte Räume unterschiedlicher Größe, entweder gewölbt und fast bunkerartig aussehend oder hölzern mit schützenden Überdachungen, wobei das Satteldach nicht selten direkt auf dem Boden aufstand.
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Dipl. Ing. Karl Schnieringer, Bauforscher am Bayerische Landesamt für Denkmalpflege führte mittels photographischer Aufnahmen und zeichnerischer Notdokumentationen zu einer Reihe von Abbruchobjekten im Juragebiet, wo der Denkmälerschwund weiterhin in bedauerlichem Umfang anhält. Im Rahmen der zeitlichen Kapazitäten des Referats Bauforschung sind oft nur erste bauanalytische Annäherungen an die Objekte zu leisten, die dann Fragen aufwerfen, zu deren Nachverfolgung es durch den Totalverlust des Objektes nicht mehr kommen kann.
Im Falle eines Hauses in Thuisbrunn, welches inschriftlich auf 1883 datiert war, erbrachte die unter großem Zeitdruck bewältigte Noterfassung die Klärung zweier tiefgreifender Bauphasen von 1750 und 1654. Ein Umbau vor 1700 war angesichts einer Bohlen-Balken-Decke in der Stube bereits bei der Erstbegehung als wahrscheinlich eingestuft worden.
Wie wichtig eine vertiefte Beschäftigung mit dem Bestand oftmals wäre, wurde ein zweites Mal erkennbar an einem Objekt in Mantlach, das noch einer eingehenderen Untersuchung durch den freiberuflich tätigen Bauforscher Roland Benke unterworfen werden konnte.
 
Eine sehr materialreiche und detailgenaue Untersuchung bot der Beitrag von
Dr. Wolfgang Dörfler, Hausforscher in Gyhum / Niedersachsen zur Verwendung sogenannter „natürlicher Gabelständer“. Dabei handelt es sich um Bauhölzer mit natürlichen Astgabeln, die sich in Wohn- und Wirtschaftsgebäuden finden, so zum Beispiel bei Wandständergebäuden oder Innenständergerüsten von Hallenhäusern. Zusammenfassend stellte Dörfler fest, dass das Bauen mit Gabelständern als regional begrenztes Phänomen anzusprechen ist, konzentriert auf den Südwestens Niedersachsens und auf ein kleines Gebiet im Landkreis Cuxhaven. Dörfler vermutet, dass Gabelständer nicht aus Not an geeignetem Bauholz verbaut worden sind, sondern dass es sich im Gegenteil um eigens kultivierte Bäume handelt. Es liegt nahe, dabei einen Bezug zum Schiffbau, wie er in der Region Tradition hatte, zu vermuten.
 
Auf der Zusammenschau archivalischer bzw. chronikalischer Quellen und baulicher Befunde fußte der Beitrag
Dr. Heinrich Stiewes / Westfälisches Freilichtmuseum Detmold zu nachgewiesenen Sturmschäden im 17. Jahrhundert. Die jüngere Klimageschichte, die zahlreiche lokale und regionale Quellen zum Wettergeschehen zusammenzieht, bietet neben lokalen Überlieferungen und inschriftlichen Hinweisen mittlerweile im überregionalen Rahmen umfangreiches Datenmaterial, das für einen Abgleich mit baulichen Befunden herangezogen werden kann (hier insbesondere Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas, Darmstadt 2008). Stiewe führte konkreten Nachweis darüber, dass in einigen Dachwerken mit wirrer Anordnung gekennzeichneter Hölzer offenkundig Sturmschäden zum Wiederaufbau gezwungen hatten und dabei die ursprüngliche Systematik in der Positionierung von Bauteilen nicht mehr beachtet worden war.
 
Einen kurzweiligen, dabei aber gehaltvollen Tour d´Horizon lieferte
Dr. Thomas Spohn / Westfälisches Landesamt für Denkmalpflege mit einer weitgespannten Erörterung über die Rolle von Frauen bei Entscheidungsprozessen zu Bau und Einrichtung, ein Unterfangen, das der Referent selbst als Versuch mit dem Schwerpunkt von Indizienbeweisen vorstellte.
Direkte urkundliche Erwähnung zusammen mit dem Ehemann bieten einige Hausinschriften, wenige aber solche mit alleiniger Nennung einer Frau, meist im Stand der Witwenschaft, gelegentlich unverheiratet in Stiften lebend.
Der zweite Teil des Vortrags richtete sich dann auf die Rolle der Frau als Haus-Herrin im Rahmen der Schaffung von Wohnlichkeit und der Sorge um die Innenwirtschaft. Spohn konnte hierzu in eindrucksvollem Umfang auf kulturgeschichtliches Quellenmaterial, darunter auch Ratgeberliteratur zurückgreifen und seine These der Vorherrschaft weiblicher Regentschaft im Hauswesen Nachdruck verleihen.
 
Dipl. Geol. Dieter Gottschalk, Restaurator am Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim, ging der naturwissenschaftlichen und materialhistorischen Einordnung schwarz gefasster Holzdecken vom 15. bis 18. Jahrhundert nach. Dem Phänomen schwarzer Beläge auf Holzdecken begegnet man wiederholt im Rahmen von Befunduntersuchungen. Für einige dieser schwarzen Oberflächen, die lapidar gern als Verschmutzung abgetan werden, konnte in den letzten Jahren ihr artifizieller Charakter nachgewiesen werden.
Durch eine systematische Untersuchung war es möglich, anhand von Dünnschliffen an ungestörtem Probenmaterial Gefügebilder zu beschreiben, welche in Zukunft als Nachweise in der Beurteilung schwarz gefasster Oberflächen zitiert werden können. In Kombination mit einer Bindemittel- und Pigmentuntersuchung konnte an einem Beispiel einer Decke von 1407 aus Eichstätt der aufwändige und zumeist in mehreren Lagen ausgeführte Beschichtungsaufbau entschlüsselt werden. Auffällig ist, dass sich viele dieser schwarzen Fassungen als Alternierung von proteingebundenen schwarzen Pigmentlagen mit transparenten, ölhaltigen und nicht pigmentierten Lagen ausgeführt wurden.
Dieser mehrlagige Aufbau verweist einmal auf ein technologisches Sonderproblem, welches in der Unverträglichkeit historischer Schwarzpigmente mit ölhaltigen Bindemitteln begründet ist. Andererseits zeigt es aber auch ein differenziertes materialhistorisches Verständnis: eine schwarze Fassung erfährt durch einen mehrschichtigen Aufbau ein höheres Maß an Glanz und Tiefenwirkung.
Schwarze Fassungen auf Holzoberflächen sind in der Architektur seit dem Spätmittelalter vielfach anzutreffen. Schwarz erinnert an edle und kostbare Materialien wie beispielsweise Ebenholz oder die im 17. und 18. Jahrhundert begehrten schwarzen Lackmöbel aus Ostasien. Eine artifizielle schwarze Beschichtung war materialbedingt nur mittels aufwändiger und damit teurer Herstellungsprozesse zu erreichen.
 
Dr. Thomas Eißing / Universität Bamberg, stellte die Ergebnisse des dreijährigen DFG-Projektes "Dendroprovenancing" in Bayern vor, dass im Mai  2011 abgeschlossen wird. Das wesentliche Ziel des Projektes ist, kleinräumige Regionalchronologien aufzubauen, die auf der einen Seite eine verbesserte Aussage über die Holzherkunft erlauben und zum anderen in weiterführenden Projekten eine differenzierte Klimarekonstruktion erlauben. An diesem Projekt sind neben dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, das vor allem altes Datenmaterial zur Verfügung gestellt hat, die Forstliche Hochschule Weihenstephan und das Isotopenlabor Jülich beteiligt. Es wurde ein Höhenstufenmodell anhand von rezenten Bäumen in der Alpenregion entwickelt, das es erlaubt, historische Hölzer mit etwa 70% Erfolg anhand der Jahrringstruktur und der Sensitivität nach drei Höhenstufen zu differenzieren. Tieflagen bis etwa 300-500 m, mittlere Lagen zwischen 500-1.000 m und Hochlagen über 1.200 m. Eine weitere Möglichkeit, Holzherkünfte einzugrenzen, könnte die Stabilisotopenmethode bieten, die erfolgreich für den Herkunftsnachweis von Lebensmitteln eingesetzt wird, aber gegenwärtig nur bei recht großem Aufwand auf Altholz zu übertragen ist, führt momentan noch nicht zu differenzierterer Erkenntnissen. Voraussetzung für eine kleinräumige Eingrenzung der Holzherkunft war, dass die dendrochronologische Methode hier mit einem dezidiert historischen Ansatz fundiert wurde. Nach den Befunden der Bauforschung sind die meisten Städte, die am Main und der Donau mit ihren wichtigsten Zuflüssen Lech, Isar und Inn liegen, mit Floßholz versorgt worden. Für die Bildung von Regionalchronologien ist es daher zwingend notwendig, die historischen Holzeinschlagsgebiete zutreffend zu rekonstruieren. Ausgehend von dem Datenmaterial von rund 24.000 historischen und rezenten Proben wurden 43 Regionalchronologien für Fichte gebildet, welche mit 70% die dominierende Bauholzart in Bayern ist. Die Tanne folgt mit gut 15%, Kiefer und Eiche teilen sich die übrigen Prozentanteile. Aus der Verteilung der Holzarten wird deutlich, dass eine differenzierte Herkunftszuweisung zur Zeit nur für die Fichte möglich ist. Zugleich wurde anhand von zwei Beispielen (Bad Windsheim, Augsburg) aufgezeigt, wie unterschiedlich die Verteilung der verwendeten Holzarten und ihre Nutzung über die Jahrhunderte in diesen Städten auf Grund der verschiedenartigen Bedingungen bei der Holzbeschaffung sind und damit zu einem Spiegel der anthropogenen Waldnutzung und Waldbewirtschaftung werden.
Dipl. Ing. Thomas Wenderoth / Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege und in der praktischen Denkmalpflege tätig in der Region Mittelfranken befasste sich mit Kappendecken, also segmentbogigen Wölbungen zwischen parallel liegenden, raumüberspannenden Trägern. Diese im ausgehenden 19. Jahrhundert auch auf dem Land – insbesondere in Stallbauten – weitverbreitete Konstruktionsweise mit Wölbungen zwischen Gusseisenprofilen scheint vereinzelt schon im 17. Jahrhundert Vorläufer in hochschichtlichen Bauten und Archivgebäuden gehabt zu haben – dort allerdings freilich auf Holzbalken aufsitzend.
Als früheste Belege zeigte Wenderoth den Marstall in Unterschwaningen (1686 ff), die Wölbung ist dort aber möglicherweise sekundär. Eine dichte Folge von Datierungen erstreckt sich über die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts und ist geographisch offenkundig dem Einflussgebiet des markgräflichen Baudepartements in Ansbach zuzuweisen. Die später „preußisch“ genannten Kappendecken  werden ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Standard, sind dann vereinzelt aber immer noch mit Holzbalken anzutreffen.
Die Genese ist gegenwärtig ungeklärt. Offen ist noch, inwieweit französische Einflüsse über frühe Ingenieursschriften hierbei eine Rolle spielten oder sich aber regionale Traditionen unabhängig entwickelten.
 
Prof. Dr. Manfred Schuller / Lehrstuhl für Bauforschung an der TU München fesselte die Teilnehmer mit einem Werkstattbericht aus einem laufenden DFG-Projekt zu Sakral- und Profanbauten in der Stadt Buchara / Usbekistan. Schuller stellte u.a. Ergebnisse der bauanalytischen Untersuchungen zur Holzvorhalle der Moschee Khoja Zainuddin vor. Die monumentalen Säulenschäfte aus Ulmenholz mit aufgesetzten Kapitellen aus Pappelholz konnten mittels C14-Methode datiert und die Errichtung damit auf die Jahre 1650 +/- 30 Jahre eingegrenzt werden. Als Beispiel für Gewölbekonstruktionen aus Holz stellte Schuller sogenannte Muqarnaskuppeln vor, die mit Ketten an einer oberhalb der Decke sitzenden, mehrteiligen Rahmenkonstruktion befestigt ist. Außerdem gab der Referent Einblicke in Organisation und Raumstruktur traditioneller Wohnhäuser mit Sommersaal, Freiluftküche und sogenannten „Sandali“ (Kohlebecken, die in die Deckenkonstruktion des darunter befindlichen Raumes eingebaut sind). Die Wände der Häuser sind in Fachwerkwerkbauweise errichtet oder als zweischalige Konstruktion mit großen Wandnischen in den Wohnräumen.
 
Der Leiter der schweizerischen Bauernhausforschung in Zug,
Dr. Benno Furrer wandte sich Scheunenbauten in den Kantonen Graubünden und der Schwyz zu: Die mündliche Tradition in Pennsylvania will wissen, dass die dortigen älteren Scheunentypen aus dem Import solcher Formen durch Einwanderer aus der Schweiz zurückzuführen sind. Interessierte Personen in den USA hatten dann Kontakt mit der Forschungsstelle aufgenommen, um Näheres zu Scheunenbauten der genannten Regionen in der Schweiz zu erfahren, in denen sie Vorbilder vermuteten.
Da vorläufig keine archivalischen Nachweise dafür erbracht werden konnten, dass Hofstellen mit solchen Bauten tatsächlich von Schweizer Immigranten besetzt waren, harrt die genannte Vermutung weiterer Aufklärung. Im (vermuteten) Ursprungsland genießen traditionelle Scheunenbauten leider wenig Sympathie: Nur eine extensive Nutzung kann langfristig den Erhalt einzelner Exemplare sichern. Ihre Entsorgung fällt verwaltungsrechtlich heutzutage unter „Sondermüll“.
 
Ariane Weidlich M.A. / Freilichtmuseum Glentleiten stellte unter dem Titel „Bauen mit System“ gebogene Dachwerke vor und schlug dabei einen Bogen vom Bohlendach des 16. Jahrhunderts bis zur Zollinger Lamellenbauweise der 1920er Jahre. Die Entwicklungsreihe begann mit der Vorstellung der Holzbogenkonstruktion von Philibert de l´Orme und ging weiter zu Bogenbohlendächern des ausgehenden 18. Jahrhunderts von David Gilly. Als Bauten aus dem frühen 19. Jahrhundert präsentierte die Referentin das Dachwerk des Schafhofs in Freising bei München sowie eine Scheune in Grunau (Oberfranken), errichtet 1829-32, von Konrad Bedal als „das vielleicht letzte große gebogene Bohlendach Bayerns“ bezeichnet. Bei der von Friedrich Zollinger entwickelten und 1923 patentierten Lamellenbauweise - propagiert als „Dach der Zukunft“ – standen dann nicht mehr das Überwölben großer, stützenfreier Kubaturen im Zentrum, sondern industrielle Fertigung der Bauteile und Materialeinsparung.
 
Georg Waldemer, Fachreferent für Freilichtmuseen und technikhistorische Museen bei der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen unternahm eine erste chronologische Darstellung des Eigenheimbaus aus  Fertigteilen innerhalb der Grenzen Bayerns, die freilich in einem größeren Rahmen einzuspannen wäre. Erst in der Mangelzeit nach Ende des 1. Weltkriegs findet der Gedanke, vorfabrizierte Teile für die kostengünstige und rasche Schaffung von Wohnraum zu nutzen (damals noch im Material Holz) größeres Interesse bei Architektenschaft und vor Allem Siedlungsplanung. Für die 1930er Jahre sind nunmehr etwa 2 Dutzend Firmen identifiziert, die in diesem Bereich aktiv waren. In der Regel stellten solche Firmen dann in der kriegswirtschaftlich ausgerichteten Zeit des Nationalsozialismus auf den Bau von Baracken, Behelfsheimen und Gebäuden des sogenannten „Kriegseinheitstyps“ um. Nach einem Wiederaufleben der Idee des Fertigteilbaues in den Nachkriegsjahren und einigen ambitionierten konstruktiven Experimenten mit Stahl und Porenbeton von Firmen, denen eine Fortsetzung von Flugzeug- bzw. Waggonbau von der amerikanischen Besatzung untersagt war, wurde 1962 vom Großversandhändler Schickedanz mit dem „Quelle-Fertighaus“ der Beginn einer seither ungebrochenen Erfolgsgeschichte dieser Fertigungsweise auch in Bayern eingeläutet.
 
Im Rahmen einer geselligen Abendveranstaltung am ersten Tag des Treffens nahmen
Prof. Dr. Michael Goer / Vorsitzender des überregionalen Arbeitskreises für Hausforschung, Prof. Dr. Ulrich Großmann / Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, Dr. Fred Kaspar / Westfälisches Landesamt für Denkmalpflege und Dr. Kilian Kreilinger / vormals zuständiger Fachreferent der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen, die Gelegenheit wahr zu persönlichen Rückblicken und Würdigungen der imposanten fachlichen Leistung Prof. Dr. Bedals. Im Anschluß überreichten die Berichterstatter in ihrer Funktion als Herausgeber an Prof. Bedal den druckfrischen 15. Band aus der Reihe „Quellen und Materialien zur Hausforschung in Bayern“. Er trägt den Titel „Farbe und Dekor am historischen Haus“ und fasst die Beiträge aus dem Jahrestreffen des Arbeitskreises vom Jahr 2008 auf 325 stark bebilderten Seiten zusammen. Ein Vierteljahrhundert nach dem bahnbrechenden Treffen zum selben Thema, welches von Prof. Bedal initiiert worden war, bildet dieser aktuelle Band erneut in differenzierter Form den Stand der Forschung zum Thema ab, hier mit einem Schwerpunkt im süddeutschen Raum.
 
Georg Waldemer / Herbert May / Ariane Weidlich
 
 
 
27. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern
am 28.05.2009 im Antonierhaus in Memmingen

 
Zum Auftakt des eintägigen Treffens, das im Antonierhaus in Memmingen stattfand, wurden die Tagungsteilnehmer offiziell von Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger begrüßt. Im folgenden, inhaltlich ausgerichteten Grußwort skizzierte Generalkonservator Prof. Dr. Egon Johannes Greipl die schwierige Situation der Denkmalpflege im ländlichen Raum, in dem ein dramatischer Rückgang des historischen Baubestandes zu verzeichnen ist. So stehen derzeit insgesamt 4000 unter Denkmalschutz gestellte Gebäude leer, die Mehrzahl davon ist in ihrer Substanz gefährdet.
Als Einführung in das Tagungsprogramm, das sich in einen Vormittags- und einen Nachmittagsteil mit unterschiedlichen Schwerpunkten gliederte, stellte Georg Waldemer Themen und Exkursionsziele in knapper Form vor.
Der Themenblock „Schwaben“ startete mit einem Überblick von Dr. Otto Kettemann, Leiter des Bauernhofmuseums Illerbeuren, der über „Aspekte traditionellen ländlichen Bauens in Schwaben“ referierte und in Bezug zum Tagungsort die unterschiedlichen bäuerlichen Hausformen im südlichen Schwaben vorstellte. Nach heutigem Kenntnisstand haben sich in Schwaben relativ wenige keine ländlichen Gebäude aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg erhalten, was bedeutet, dass der überkommene Baubestand im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns (z.B. Mittelfranken oder Oberbayern) relativ jung ist. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts ist in Schwaben eine ländliche Baukonjunktur zu verzeichnen, in deren Folge sich Bautraditionen und formale Kontinuitäten entwickelten, die teils bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wirksam waren. So ist im südlichen Schwaben der Einfirsthof die Regel. Im nördlichen Bereich finden sich ausschließlich steile Sparrendächer, während im Süden das flach geneigte Rafendach klar dominiert. Im Norden und auch im östlichen Allgäu sind die Häuser als Ständerbauten, im inneren Allgäu, in der Gegend von Sonthofen, sowie im Westallgäu im Wesentlichen als Blockbauten errichtet. Verwendung fanden vor allem regional vorhandene Baustoffe. Der häufige Einsatz von Stroh als Dachdeckungsmaterial im Norden des betrachteten Gebietes erklärt sich vornehmlich aus dem in dieser Region stärkeren Getreidebau. Während im Allgäu der Wohnteil als Dreiraumwürfel (sog. „Allgäuer Grundriss“) ausgebildet wurde, ist für den Norden das traufseitig erschlossene Mittertennhaus charakteristisch. Kettemann illustrierte seine Ausführungen hierzu mit Beispielen aus dem Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren.
Nach diesem Überblick ging Kettemann auf zwei spezielle Entwicklungen ein, die entscheidenden Einfluss hatten auf Landschaftsbild, Siedlungsstruktur und Bauform: Vereinödung und Milchwirtschaft. Der Prozess der Vereinödung setzte bereits im 16. Jahrhundert ein und dauerte etwa bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts an. Die Vereinödung, die mit Billigung der Obrigkeit erfolgte, führte unter anderem zu einer Art Flurbereinigung und zur Aussiedlung von Bauernhöfen. Die vielen Einödhöfe, die es heute noch unmittelbar südlich von Memmingen gibt, sind eine Folge dieses bäuerlichen Gestaltungs- und Reformwillens. Im 19. und 20 Jahrhundert wurde im alpinen Schwaben und dem Alpenvorland die landwirtschaftliche Produktion ausschließlich auf Milchproduktion umgestellt, was zur Entstehung der charakteristischen Wiesenlandschaft und zur Vergrößerung der Wirtschaftsteile der Bauernhöfe führte.
 
Der folgende Vortrag widmete sich einem grenzüberschreitenden Phänomen „Der ‚Schopf’ in Vorarlberg und im Allgäu; Wege der Diffusion“. Analog zum Verbreitungsgebiet des „Schopfes“ kamen auch die beiden Referenten aus Deutschland und Österreich. Als „Schopf“ oder „Schlupf“ werden in Vorarlberg und im Allgäu sekundäre laubenartige Anbauten an Giebel- oder Traufseite bezeichnet, die sich in der Regel auf der wettergeschützten Ostseite des Hauses befinden. Die multifunktionalen Lauben wurden als temporäre Wohn- und Arbeitsräume sowie als Lagerflächen genutzt. Darüber hinaus hatten sie durch ihre Situierung zwischen „innen“ und „außen“ des Hauses die indirekte Funktion eines Klimapuffers. Dr. Klaus Pfeifer stellte in einem ersten Teil dendrochronologisch untersuchte Beispiele aus dem Bregenzer Wald vor, bei denen es sich um überwiegend in Blockbauweise errichtete Einfirsthöfe mit unterschiedlichen Grundrisslösungen im Wohnbereich (Mittelfluranlagen, Quer-/Eckflurgrundrisse, Seitenflurgrundrisse) handelte. Im Fall des Hauses Fallenbach 92 in Egg konnte nachgewiesen werden, dass die beiden traufseitigen Anbauten aus zwei unterschiedlichen Bauphasen stammen, 1618 (d) und 1683 (d), und frühe Belege für „Schlupfe“ sind. Die übrigen Beispiele datieren alle wesentlich später, aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Abschließend ging Pfeifer der interessanten Frage nach der Korrelation von Bauform und regionalem Klima anhand von Klimakurven aus der Tannbergregion für die Jahre 1500 bis 1750 nach und stellte zur Diskussion, ob die Verbreitung des Phänomens „Schopf“ als Reaktion auf nachweisbare, signifikante Kältephasen zu interpretieren ist. Direkt anschließend präsentierte Dr. Hildegard Sahler, Referentin in der praktischen Denkmalpflege,  Beispiele aus dem benachbarten Allgäu. Im Gebiet der ehemaligen Herrschaft Hohenschwangau, zu dem heute die Gemeinden Schwangau und Halblech gehören, findet sich noch heute das sog. „Schwangauer Laubenhaus“ mit traufseitiger Laube, die im EG offen und im OG verbrettert war. Die älteste nachgewiesene Laube gehört zum Mittertennbau Kröb 26 und stammt aus dem Jahr 1702 (röntgendendrochronologische Untersuchung). Am Haus Häringen 2, 1543 (d) als Flurküchenhaus mit Mittertenne errichtet, wurde der „Schlupf“ 1766/67 (d) angebaut. Gleichzeitig belegen historische Bildquellen wie eine Karte von 1551, dass es sich auch bei den Allgäuer Beispielen um sekundäre Anbauten handelt. Nach Auffassung von Sahler handelt es sich bei Herkunft und Verbreitung des „Schlupfs“ um einen klassischen Fall von Kulturtransfer. Der „Schlupf“ stammt aus Vorarlberg und wanderte von West nach Ost. Offen muß derzeit noch bleiben, ob die zeitlich und regional begrenzte Übernahme dieses Phänomens durch historische, lokal auftretende negative Wetterbedingungen zu erklären ist.
 
Im Anschluss folgte ein Vortrag aus dem Bereich der Archäologie: „Kontinuität in Augsburg / mittelalterliche Holzstrukturen auf römischen Mauerresten“. Referent Dr. Volker Babucke berichtete über Grabungskampagnen im Bereich der Augsburger Bischofstadt, am Pfannenstiel und hinter dem Schwalbeneck 5-9, die mit Unterbrechungen von 1996 bis 2008 durchgeführt worden waren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass römische Pfahlrostgründungen, wie sie aus dem militärischen Bereich und aus dem Kastellbau bekannt sind, sowie Fundamentreste in Form einer Apsis in frühmittelalterliche Baustrukturen integriert wurden. Der Fund einer Öllampe mit Kreuzornament legt die Interpretation nahe, dass es sich bei den Fundamentmauern um die baulichen Fragmente eines frühen christlichen Gebäudes in Augsburg handelt.
 
Als letzte Referentin vor der Mittagspause berichtete Carolin-Sophie Prinzhorn über „Verschmauchte Dachwerke; Forschungen zum Rauchabzug in städtischen Wohnbauten Memmingens“ und formulierte die Hypothese, dass bauzeitliche Rauchhausanlagen anhand von Dachstühlen mit starken Verrußungsspuren nachgewiesen werden können. Im Kontext dieser Fragestellung stellte die Referentin vier ausgewählte Dachwerke vor, die beim nachmittäglichen Rundgang auch besichtigt werden konnten: das Kramerzunfthaus (1439 d) mit liegendem Stuhl über zwei Geschosse und einem Zwischenboden auf der ersten Kehlbalkenebene; das Weberzunfthaus (1438 d) mit einem stehenden und liegenden Stuhl; Haus Schwanenmeyer mit insgesamt fünf liegenden Stühlen in typologisch unterschiedlichen Varianten, die vom ältesten Typ ohne Spannriegel bis zur barocken Stuhlkonstruktion mit fünfeckiger Schwelle und gekipptem Rähm reichen; Wohnhaus Kramerstr. 16 (1386 d) mit stehendem Stuhl und Walm am rückwärtigen Giebel sowie einem sekundären Steilgiebel auf der Vorderseite.
 
Nach einem Mittagessen in dem spätgotischen, vor wenigen Jahren sanierten und mit teilrekonstruierter Fassung versehenen Gewölberaum – der sogenannten „Dürftigenstube“ des Kreuzherrenklosters, dem Erdgeschoß des Nordwestflügels – folgte der zweite Teil der Vorträge:
Das Nachmittagsprogramm war durch zwei Referate zunächst von einer Thematik geprägt, die gewissermaßen die Fortsetzung der letztjährigen Tagung in Bad Windsheim (Farbe und Dekor im historischen Hausbau) bildete, bezogen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nikolaus Bencker, Mitarbeiter bei der städtischen Denkmalschutzbehörde Nürnberg, referierte über die „Fassadenkunst der Wiederaufbauzeit im Stadtgebiet von Nürnberg“: Die „Kunst am Bau“ wurde in der Nachkriegszeit zu einem politischen Programm. So beschloss der Bundestag im Januar 1950 eine Rahmenempfehlung zur Förderung der bildenden Künste, die ein bis zwei Prozent der Bauauftragssumme für bildnerische und kunsthandwerkliche Arbeiten vorsah. Kurz zuvor hatte die Oberste Baubehörde in Bayern eine Weisung mit gleichem Inhalt und eine Empfehlung für Siedlungs-, Handels- und Industrieunternehmen erteilt. Dieser Festlegung schlossen sich – freiwillig – auch Wohnbaugesellschaften, aber auch Privatleute an, vielfach solche, die für die Schaffung neuen Wohnraums Fördermittel vom Staat erhielten. In der Folgezeit entstand eine Vielzahl von Gestaltungen an Fassaden, aber auch im Inneren von Gebäuden. Diese Kunst am Bau beschränkte sich nicht nur auf öffentliche Gebäude, sondern erstreckte sich in gleicher Weise auch auf sakrale Bauwerke, auf Wohnhäuser, Banken, auch Milchbars, Apotheken oder Cafés.
Eine Bestandsaufnahme Benckers ergab für das gesamte Nürnberger Stadtgebiet 274 Wandgestaltungen unterschiedlichster Art, die zwischen 1945 und 1970 gefertigt wurden (und noch vorhanden bzw. fotografisch dokumentiert sind). Motivisch ist der Bogen weit gespannt: Lebenszyklen der Familie, Allegorien von Handel und Verkehr, Blumen und Tierdarstellungen, historisierende Wappendarstellungen, aber auch religiöse Szenen finden sich an Nürnberger Häusern der Wiederaufbauzeit. Immer wieder drückt sich in dieser Kunst aber auch – nach dem Wahnsinn des Krieges – die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe, Geborgenheit und Frieden aus – zum Beispiel in der Darstellung eines unter der Mondsichel ruhenden Jünglings mit einer weißen Taube in der Hand, eines friedfertigen Lamm oder eines Kruges mit dem Lebenselixier Wasser auf einem gedeckten Tisch.
Auch die für diese Kunst am Bau verwendeten Materialien sind vielfältig: Mosaike, Putzsgraffiti, Reliefs aus Naturstein, Beton oder Keramik, Arbeiten aus Ziegel und Glas, Gemälde und Drahtbilder zieren Fassaden, aber ebenso Treppenhäuser, Foyers, Kantinen und Flure. Besprechungs- und Versammlungsräume waren mit Tapisserien, Gobelins oder Plastiken ausgestattet.
Bencker wies abschließend auch auf die Erhaltungsproblematik hin: Zahlreiche Objekte im Inneren der Gebäude sind durch Umbauten in den letzten 20 Jahren entfernt worden, und durch energetische Sanierungen werden Jahr für Jahr durch Abschlagen von Putzen und Aufbringen von Wärmeverbundsystemen viele dieser Schöpfungen unwiederbringlich und in der Regel ohne Dokumentation zerstört. Alleine in Nürnberg sind in den letzten 15 Jahren mindestens 22 Fassadenbildwerke verschwunden.
 
Das zweite Referat des Nachmittags schloss thematisch eng an den Vortrag Benckers an. Bertram Popp, Leiter des Oberfränkischen Bauernhofmuseums Kleinlosnitz, referierte über „Wandgestaltungen im östlichen Oberfranken am Beispiel des Werkes von Karl Bedal (1914-1999)“. Der in der oberfränkischen Ortschaft Schwarzenbach/Saale geborene Karl Bedal studierte von 1936 bis 1938 an der pädagogischen Hochschule in Bayreuth für das Lehramt mit Schwerpunkt Volkskunde. Im Studium knüpfte er Kontakt zu Prof. Bruno Schier, besuchte Tagungen der damaligen Hausforschung und schloss sein Studium mit einer Zulassungsarbeit über Bauernhäuser im Fichtelgebirge ab. Nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft blieb er in Schwarzenbach wohnen, arbeitete im Schuldienst und als Grafiker für örtliche Betriebe und regionale Vereine und Verbände. Von 1958 an, mit dem Umzug nach Hof,  war er als freischaffender Grafiker tätig, der seine besonderen Interessen an der Volkskunde, der Hausforschung und der Heimatgeschichte immer in seine Arbeit einfließen ließ. Privatpersonen waren ebenso Auftraggeber wie Vereine, Verbände, Firmen und Banken. Mit seinen Arbeiten versuchte er immer, die kulturgeschichtlichen Besonderheiten der jeweiligen Einrichtung herauszuarbeiten. Dazu gehören die Gebäude der IHK und der Hauptpost in Bayreuth, das Schillergymnasium in Hof oder die Parkschule in Münchberg, Bankgebäude in Berg oder Konradsreuth, Gaststätten im ganzen Landkreis, das Egerlandmuseum oder das Bauernhofmuseum, die Landwirtschaftsschule in Münchberg oder das Hallenbad in Schwarzenbach an der Saale.
Einer seiner ersten Aufträge für die öffentliche Hand war die Gestaltung von Wänden in der Hofer Kaserne in den Jahren 1938/39; die Motive wurden 1945 im Auftrag der amerikanischen Militärverwaltung überstrichen. Bei der Bestandsaufnahme seines Nachlasses, die noch lange nicht abgeschlossen ist, wurden bisher 164 Entwürfe für Fassaden- und Wandgestaltungen ermittelt. Von Bad Alexandersbad bis Zell im Fichtelgebirge quer durch ganz Oberfranken, in Weiden, Nördlingen, Markdorf und Waldkraiburg. Der Schwerpunkt seines Schaffens lag jedoch eindeutig im östlichen Oberfranken: 41 Aufträge erhielt er in der Stadt Hof, 15 in Münchberg, sechs in Rehau, in Schwarzenbach und Helmbrechts.
Seine öffentlich zugänglichen Gestaltungen zeichnen sich durch intensive mehrstufige Vorplanung aus, sie verwenden selten rein architektonische Elemente und Formensprachen sondern sie sind gegenständlich und erzählend. Sie leiten sich höchstens in der Frühzeit aus der architektonischen Gliederung ab. Je länger er in diesem Bereich arbeitete, desto stärker arbeitete und entwarf er gegen die Architektur, gegen Raumstruktur und gegen die zugrundeliegenden Gliederungselemente. Da er die Gebäude nicht plante, setzte seine gestalterische Arbeit erst ein, wenn es um die Füllung von Leerflächen ging, um „Kunst am Bau“. Er übte neben der klassischen Putzgestaltung, dem Sgraffito eine Reihe anderer Techniken aus: Er arbeitete mit der Glättspachtel, malte auf großen Bildplatten und nutzte die industrielle Herstellung von „Resopal“-Tafeln für seine künstlerischen Zwecke. Außerdem entwarf er Schriftzüge, die gegossen oder gestanzt wurden.
Das Oberfränkische Bauernhofmuseum Kleinlosnitz kümmert sich in besonderem Maße um das Oeuvre Karl Bedals, der das Bauernhofmuseum mitbegründet hat. Erst vor kurzem ist das graphische Werk Bedals vom Museum übernommen worden. Geplant ist, nach einer umfassenden Inventarisierung eine Auswahl seines Werkes in einer Ausstellung zu präsentieren.
 
Nach diesen detailreichen Darstellungen zu dem bislang in der Forschung nur marginal gewürdigten Thema „Kunst am Bau“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging es beim  letzten Vortag der Tagung in einem großen Zeitsprung zurück ins Mittelalter. Bereits auf der Tagung der AHF-Regionalgruppe Bayern 2006 in München referierte der Bauforscher Christoph Kleiber (Ulm) über die Baugeschichte des sogenannten Zuhauses (Nebenhaus) des Fischerweberhofes in Rottach-Egern, das gegenwärtig im Oberbayerischen Freilichtmuseum an der Glentleiten wiederaufgebaut wird und mit einem Baukern aus dem späten 15. Jahrhundert ein – im Kontext oberbayerischer Blockbauten – erstaunlich hohes Alter aufweist. Das Hauptgebäude des Fischerweberhofes war schon 1993 dorthin übertragen worden. Die erstmals 1427 urkundlich erwähnte Hofstelle gehörte ehemals zum Besitztum des Klosters Tegernsee und war über einen langen Zeitraum bis 1667 Wohnort des Klosterfischers. Der Archäologe Stefan Wolters (Bamberg) referierte nun über die Ergebnisse der archäologischen Grabung auf dem Areal des abgebauten und ins Freilichtmuseum translozierten Zuhauses. Drei wichtige Ergebnisse sind dabei festzuhalten:
1. Es hat definitiv einen Vorgängerbau gegeben. Bei der Grabung konnten Keramikfragmente des 12. und 13. Jahrhunderts ermittelt werden, also aus einer Zeit weit vor der urkundlichen Ersterwähnung. Ergrabene Fundamentreste belegen zudem, dass es sich dabei offenbar um keinen Blockbau (wie es das ins Freilichtmuseum translozierte Gebäude ist), sondern um einen steinernen Massivbau gehandelt hat.
2. Ein Hauptanliegen der Bauforschung war die Klärung der Frage, ob die ins 15. Jahrhundert datierten Hölzer des vorhandenen Blockbaus möglicherweise sekundär verwendet wurden, also aus einem anderen Bauzusammenhang stammen. Die archäologischen Funde, vor allem die völlig ungestörten Schichten des hohen bis späten Mittelalters, legen den Schluss nahe, dass eine spätmittelalterliche Erbauungszeit durchaus wahrscheinlich ist, es sich folglich nicht um zweitverwendete Hölzer handelt.
3. Ergraben wurde auch ein sorgfältig gemauerter Latrinenschacht mit einem aufsitzenden Holzbalkenkranz, der aufgrund weiterer Befunde als außenliegender Abort mit einem hölzernen gedeckten Zugang – schon zugehörig zur Vorgängerbebauung – interpretiert werden kann.
Der weitere Nachmittag war traditionsgemäß Exkursionen vorbehalten, denen der Referent des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Tobias Lange einen instruktiven Überblick zur baugeschichtlichen Entwicklung der Stadt Memmingen voranstellte. Solchermaßen mit einer strukturellen Basis ausgestattet, wandten sich die TeilnehmerInnen jeweils einer der vier parallel angebotenen Themenrundgängen durch die Stadt zu:
Architekt Dr. Wolfram Arlart führte durch mittelalterliche Kelleranlagen im Innenstadtbereich. Arlarts diesbezügliche Forschungsergebnisse bildeten die Basis der 1978 in der Reihe „Memminger Geschichtsblätter“ als Sonderheft publizierten Dissertation bei Prof. Gruben/TU München. Zur damaligen Zeit noch selten, hatte Arlart eine weitgehend vollständige Vermessung aller Kelleranlagen im Innenstadtbereich erstellt und die Bezüge zu den rezenten Parzellengrenzen – auch unter Einbeziehung archivalischer Quellen – herzustellen versucht. Die ältesten Anlagen – meist mit quadratischem Grundriß und später auf Mittelstütze ablastend eingewölbt – scheinen noch ins 13. Jahrhundert zurückzugehen, einer Zeit, in der Memmingen seine Bedeutung als wichtiger Handelsplatz am Schnittpunkt überregionaler Transportwege gefestigt hatte. Die Wände dieser Anlagen waren in Tuff erstellt worden, einem lokal anstehenden Baumaterial, die Decken über Balkenlagen ausgeformt. Mit dem 14. Jahrhundert kommt dann nur noch Ziegel zum Einsatz. Eine Reihe von Kelleranlagen hat über die Einwölbung hinaus Umbauten erfahren, die im Einzelnen noch nicht bauanalytisch untersucht sind. Nur in einem Falle ist auch die über den Keller herausragende Bausubstanz in großem Umfange noch erhalten: dem sogenannten „Welfenturm“ an der Stadtmauer, wohl eine Struktur im Kern aus der Mitte des 12. Jahrhunderts.
Die zweite Gruppe unter Führung von Prof. Dr. Kirmeier-Debré (Leiter der Museen im Antonierhaus) und Frau Arch. Stetter (leitende Architektin bei der Sanierung) gewnn vielfältige Eindrücke bei einem Rundgang durch weitere Räumlichkeiten des sogenannten „Antonierhauses“, dem Tagungsort. Dabei erhielten die Teilnehmer einerseits Einblicke in die Baugeschichte wie auch den Umgang im Zuge der Sanierung, andererseits auch einen Eindruck von den reichhaltigen Beständen der in diesem Komplex beheimateten Museen.
An prominenter Stelle der Siedlung – im höchstgelegenen Teil der Altstadt hart an der Stadtmauern ,, unweit einem frühmittelalterlichen Reihengräberfriedhof und in direkter Nachbarschaft zur Pfarrkirche St. Martin erbrachten die zwischen 1991 und 1995 durchgeführten archäologischen Grabungen eine Reihe wichtiger Erkenntnisse zur Vorgeschichte der vierflügeligen Renaissance-Komplexes: über Resten einer römischen Kelleranlage aus Tuff (2. Jh. N. Chr.) – vielleicht Zeugen einer villa rustica – fanden sich bauliche Spuren mittelalterlicher Grubenhäuser und späterer Pfostenbauten auf einem hierzu stark aufplanierten Geländeteil mit Wallanlage.
Auch Überreste der dem Spätmittelalter (gegen 1400) zuzuordnenen Vorgänger der bestehenden Anlage konnten dokumentiert werden, vornehmlich Ziegelbauten, wohl auch mit Teilen aus Ständerbohlenbau. Mit etwa 1530 war dann der Kern der bestehenden Anlage geschaffen, der in den nachfolgenden Jahrhunderten im Wesentlichen keine größeren Umbauten, wohl aber Anbauten erhielt. (Zur Bau- und Nutzungsgeschichte kann auf die einschlägige Publikation des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege verwiesen werden (Das Antonierhaus in Memmingen. Beiträge zur Geschichte und Sanierung [= Arbeitshefte, Bd. 84], München 1996).
Frau Caroline Prinzhorn konnte im Rahmen ihrer Führung durch mehrere Dachwerke der Stadt ihre im Referat am Vormittag präsentierten Befunde, Thesen und Fragen mit den Exkursionsteilnehmern weiter und vertieft erörtern.
Die vierte Gruppe folgte den beiden Gebietsreferenten des Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Markus Weis (vormals zuständig für die Stadt Memmingen) und Dr. Tobias Lange (gegenwärtig zuständiger Referent) zu zwei kunst- wie bauhistorisch bemerkenswerten Architekturobjekten: Dem Kreuzherrenkloster, dabei nicht zuletzt dem Dachwerk der Kirche dieser baugeschichtlich komplexen Anlage, die von 1999 bis 2003 einer tiefgreifenden Sanierung unterzogen worden war (Eine ausführliche Darstellung dieses Baudenkmals und der sanierenden Eingriffe liegt in Band 116 der Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege aus dem Jahr 2003 vor).
Über der gotischen Hallenkirche dieses Klosters, die im Jahre 1709 eine aufwändige und sehr qualitätvolle Redaktion durch Wessobrunner Stuckateure erfuhr, erhebt sich ein dendrochronologisch auf 1485 datiertes Dachwerk über zwei Ebenen mit Mittelstütze und liegendem Stuhl, ein frühes Beispiel dieser Konstruktionsart für .
Den Abschluß bildete eine Begehung des Dachwerks und Turms der alten Pfarrkirche St. Martin, unter der sich römische Bauspuren fanden, die gelegentlich als Teile einer Befestigung (burgus) interpretiert werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient in der Pfarrkirche der Ostteil des Dachwerks, welches dendrochronologisch auf 1407/1408 datiert wurde und im Querschnitt die ungewöhnliche Form eines Trapezes mit abgeschrägten oberen Ecken aufweist. Diese singuläre Form bzw. Konstruktion hat zu Überlegungen Anlaß gegeben, hier eine frühe typologische Zwischen- bzw. Übergangsstufe vom stehenden zum liegenden Stuhl zu vermuten.
 
Herbert May / Georg Waldemer / Ariane Weidlich
 
 
Farbe und Dekor.
Bericht über die 26. Tagung des AHF in Bayern am 26.- 28. Juni `08  in Bad Windsheim

 
Aus historischem Anlass traf sich die Regionalgruppe Bayern des AHF in diesem Jahr im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim: Vor 25 Jahren, am 28. Juli 1983, hatte hier eine kleine Arbeitstagung mit dem Titel "Das farbige Haus" stattgefunden, die erstmals Ergebnisse von restauratorischen Farbuntersuchungen an "einfachen" ländlichen Profanbauten wie Bauern- und Tagelöhnerhäusern diskutierte - während in der bis dahin üblichen denkmalpflegerischen Praxis nur "anspruchsvolle" Gebäude wie z.B. Kirchen oder Schlösser solcher Untersuchungen für würdig befunden wurden. In seinem Abendvortrag am 26. Juni erinnerte
Konrad Bedal (Bad Windsheim) an diese Tagung und stellte beispielhafte Ergebnisse von seitdem im Fränkischen Freilandmuseum durchgeführten Farbuntersuchungen vor - mit dem 1983 noch verblüffenden Ergebnis: Auch die "einfachen" Häuser der "kleinen Leute" waren bunt!
Die von Herbert May, Georg Waldemer und Ariane Weidlich in Zusammenarbeit mit dem Fränkischen Freilandmuseum vorbereitete Tagung war mit 130 gemeldeten Teilnehmern überdurchschnittlich gut besucht. Besonders anregend waren die vielfältigen Diskussionen zwischen Bauforschern und Restauratoren, die etwa zu gleichen Teilen anwesend waren. Auch erwies es sich als gute Entscheidung, die immense Zahl von 26 gemeldeten (und 25 gehaltenen) Vorträgen auf drei Tage zu verteilen.
Nach der Begrüßung durch
Konrad Bedal (Fränkisches Freilandmuseum) und Georg Waldemer (Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern) eröffnete Johannes Cramer (Berlin) die Sektion "Überblicksdarstellungen" (26. Juni) mit einer kritischen Betrachtung des Forschungsstandes zur historischen Architekturfarbigkeit, den er nach wie vor als unbefriedigend einschätzte. Vor allem vermisste er einen systematischen Überblick über die zahllosen Einzeluntersuchungen der letzten Jahrzehnte, die vielfach unpubliziert in den Schubladen der Denkmalämter schlummern. Er erinnerte an den von Gottfried Semper ausgelösten "Polychromiestreit" des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile ist die Farbigkeit antiker Tempel längst ein ebenso etabliertes Forschungsfeld wie die Wandmalerei des Mittelalters, während die Polychromie mittelalterlicher Skulpturen und Außenfassaden noch lange übersehen worden ist. Cramer erinnerte an die ersten Befunduntersuchungen in Schweizer Bürgerhäusern (Basel, Bern, Zürich) seit den 1970er Jahren mit spektakulären Ergebnissen bis zurück ins 14. Jahrhundert. Der Fachwerkbau wurde dagegen von einem beschränkten Spektrum aus preiswerten Erdfarben (Schwarz/ Grau, Rot, Gelb) dominiert. Schließlich habe die Hausforschung mit ihren restauratorischen Untersuchungen zu Profanbauten auch die Wahrnehmung der Moderne verändert - "sie war nicht weiß, sondern bunt!" Cramers Forderung nach einer systematischen Dokumentation und Auswertung der Fülle an vorliegenden Farbbefunden zum Profanbau ist unbedingt zuzustimmen.
Ulrich Knapp (Leonberg) gab einen Überblick zu farbig glasierten Dachziegeln und gemusterten Dachdeckungen mit zahlreichen Beispielen vom Mittelalter bis heute - eines der ältesten ist die in situ erhaltene Dachdeckung auf dem Konstanzer Münster von 1239. Aber auch im profanen Hausbau gibt es hier - trotz fortschreitender Vernichtung alter Dachdeckungen - noch spanende Entdeckungen zu machen, wie z.B. farbig glasierte Biberschwänze auf einem Fachwerkhaus des 15. Jahrhunderts in Dambach-la-Ville (Elsaß), das während der AHF-Tagung in Wissembourg 2007 besichtigt wurde. Michael Back (Bad Windsheim), Restaurator und "Museumsziegler" am Fränkischen Freilandmuseum, stellte "Die Farbe Blau im historischen Hausbau" vor. Während alte Blaupigmente wie "Ägyptischblau", Azurit, Lapislazuli oder Smalte für den schlichten Profanbau zu teuer waren, gewannen seit dem 18. Jahrhundert synthetische Blaufarbstoffe an Bedeutung: Den Anfang machte das seit etwa 1740 gewerblich hergestellte "Berliner Blau", doch verhalf erst das 1836 patentierte synthetische Ultramarin der Farbe Blau zum Durchbruch im profanen Hausbau.
Aktuelle Befunde zur Farbigkeit Nürnberger Bürgerhäuser stellte
Herbert May (Bad Windsheim) vor und wies darauf hin, das Farbe im Stadtraum bis heute eine "hoch emotionale Angelegenheit" sei. So sei es schwer vermittelbar, dass entgegen den heutigen Sehgewohnheiten auch der hoch geschätzte Nürnberger Burgsandstein vielfach farbig überfasst worden sei - was er mit vielfältigen Befunden für gemalte Steinoberflächen und Quaderungen auf Steinfassaden belegte. Weiterhin stellte er Fachwerkfassungen vor und erinnerte an die nur noch durch historische Bildquellen überlieferten Illusionsmalereien an Nürnberger Fassaden von Albrecht Dürer und anderen Malern.
Über "Farbe am Holzbau" der Zentralschweiz berichtete
Benno Furrer (Zug, CH). Im Berner Oberland entwickelte sich an Blockbauten von Ratsherren und reichen Bauern seit dem 17. Jahrhundert ein "Standardrepertoire" von Schnitz- und Farbdekoration, während sich in Appenzell ab der Mitte des 19. Jahrhunderts großflächige Bemalungen von Scheunen in rot, ocker, beige oder gelb im Kontrast zu grauen Wohnhausfassaden verbreiteten. Neben allgemeinem Repräsentationsbedürfnis und Zierfreude sah Furrer auch Kommunikation und konfessionelle Abgrenzung als Ursachen für die Farbigkeit der Holzbauten.
Sehr stark in die Einzelbefunde ging der Vortrag von
Stefan Uhl (Warthausen) und Cornelia Ma‧rinowitz (Winterthur, CH) zu "monochrome(n) und farbige(n) Fassungen in Stuben des 14.-18. Jahrhunderts im südlichen Oberschwaben". Uhl stellte die baulichen Strukturen der untersuchten  Bohlenstuben des 14. und 15. Jahrhunderts aus Ravensburg (u.a. Humpisquartier ab 1375 d) und Leutkirch ("gotisches Haus") vor, während Marinowitz die Farbbefunde im Einzelnen besprach. Besonders gründlich untersucht wurden die immer wieder angetroffenen Schwarzfassungen auf Bohlenwänden und -decken, die durch Bindemittelanalysen zweifelsfrei als Anstriche und nicht etwa verrußte oder nachgedunkelte Oberflächen identifiziert werden konnten. Dabei sind Braunfassungen (Kasseler Braun) und so genannte Bisterfassungen (von frz. bistré = nussbraun ), proteingebundene Rußlasuren oder Beizen aus aufgekochtem Glanzruß, zu unterscheiden. Als Bindemittel konnten Leim sowie Tempera und Öl nachgewiesen werden. In der Neuzeit sind schließlich neben den weiterhin weit verbreiteten Schwarzfassungen auch teure Grünfassungen in oberschichtigen Bauten belegbar (Malachit, "Schweinfurter Grün", letzteres wegen seiner hohen Giftigkeit schon 1887 verboten).
In der Diskussion, die aus Zeitgründen erst am folgenden Tag stattfinden konnte, standen die schwarzen und grünen Farbfassungen im Mittelpunkt. Dabei hielt Restaurator
Holger Wilcke (Heideck) ein leidenschaftliches Plädoyer für das "finstere Mittelalter" in Form der für heutige Betrachter schwer vorstellbaren Schwarzfassungen in Stuben, aber auch an Dachstuhlhölzern, die er mittlerweile in knapp 60 Fällen durch Bindemittelanalyse nachweisen kann (aktuelle Liste im Internet unter
www.holger-wilcke.de/schwarzfassungen.html). Vergleichbare Befunde liegen auch aus der Schweiz, Sachsen und Sachsen-Anhalt vor.
Zu den "Pionieren", die Farbbefunde an profanen Bürgerhäusern schon seit den 1970er Jahren systematisch untersuchen, gehört das aus einer studentischen Arbeitsgruppe hervorgegangene "Freie Institut für Bauforschung und Dokumentation" (IBD) in Marburg. Als Auftakt der Sektion
"Spätes Mittelalter / Frühe Neuzeit" präsentierte Ulrich Klein (Marburg) einen kompakten Überblick über "Farbiges Fachwerk in Hessen". Durch eine konsequent stratigraphische Befunderhebung konnte für hessische Städte eine gesicherte Chronologie der Fachwerkfarbigkeit aufgestellt werden, die von ungefassten, manchmal strukturierten Kalkputzen im 15. Jahrhundert über schwarze Fachwerkaufmalungen mit Begleitlinien (ab etwa 1520) und Rotfassungen (ab 1570) neben gelegentlichen ockergelben Bemalungen schließlich zu Graufassungen im 17. Jahrhundert führt. Ähnliche Befunde konnte Edgar Hartmann (Marktheidenfeld) für die unterfränkische Stadt Karlstadt am Main vorstellen, deren farbige Fachwerkbemalungen vornehmlich des 16. Jahrhunderts durch aufgemalte "schwarze Blumen", Wappen und z.T. datierende Inschriften in den Gefachen bereichert sind. Als bedeutenden Einzelbefund hatte zuvor Birgit Kata (Kempten) das frühere Beginenhaus in Kempten/Allgäu vorgestellt, einen Massivbau von 1357 d, der seit dem 15. Jahrhundert als patrizischer Wohnsitz diente und 1584 eine anspruchsvolle Neuausstattung der Spätrenaissance mit Kassettendecken, grünen Bodenfliesen und reichen Malereien erhielt.
Archivalische Funde zu Farbmaterialien aus Baurechnungen und Kostenanschlägen des 15. bis 18. Jahrhunderts hat
Robert Giersch (Offenhausen) gesammelt. Wie im erhaltenen Baubestand sind rote und gelbe Ockererden als Massenprodukte am häufigsten nachweisbar; sie stammen aus Farbgruben etwa bei Nürnberg ("Nürnberger Rot") oder Schwandorf. Andere Pigmente wie Kienruß, Mennige, Silberglätte oder Bleiweiß erscheinen dagegen seltener in den Rechnungen, die darüber hinaus vielfältige Auskünfte zu Malern, Tünchern oder Farbhändlern enthalten.
Claus Giersch (Fürth) präsentierte seltene Fladertapetenfunde der Zeit nach 1560 aus dem Haus Seegasse 8 in Bad Windsheim (vgl. den Vorbericht von Konrad Bedal in AHF-Mitt. 72, 2008), die am folgenden Tag auch besichtigt werden konnten. Als Produzenten der Drucke kommen Nürnberger Briefmaler und Fladerpapierhersteller in Frage; als Vorlage für die perspektivische Architekturdarstellung konnte ein Stich im "Intarsienbuch" von Erasmus Loy (Regensburg, 1520-1570) nachgewiesen werden.
Der folgende Vortrag von
Peter Barthold (Münster) erlaubte einen vergleichenden "Blick über den Tellerrand" nach Rheine in Westfalen, wo im 1579/80 (d) datierten Hinterhaus eines nachweislich seit 1780, aber vermutlich schon früher als Herberge genutzten Bürgerhauses diverse frühe Innenraumfassungen, u.a. mit gemalten Intarsien und Maserierung, entdeckt wurden. Runde Abdrücke von ehemals aufgeklebten Papieren an einer Decke lassen an ähnliche gedruckte Medaillons denken, wie sie auch in Bad Windsheim gefunden wurden.
Die folgende Sektion
"Vorindustrielle Zeit (17.-Mitte 19. Jahrhundert)" eröffnete Ariane Weidlich (Glentleiten) mit einer kritischen Sichtung der bekannten und mit allen denkbaren Oberbayern-Klischees behafteten "Lüftlmalereien" des späten 18. Jahrhunderts im bayerischen Voralpenland. Als Auftraggeber dieser  spätbarocken Fassadenmalereien, die von Kirchenmalern in einer Mischtechnik aus Fresko- und Seccomalerei ausgeführt wurden, lassen sich wohlhabende Verleger in Handelsorten wie Mittenwald, Ober- und Unterammergau oder Reit im Winkl ausmachen, doch wurden auch große Bauernhöfe oder einfache Handwerkerhäuser bemalt. Durch fortwährende Überarbeitung ohne restauratorische Begleitung bis in jüngste Zeit ist eine Beurteilung vieler Malereien problematisch.
Thomas Wenderoth (München) stellte Befunde für "monochrome Fachwerkfassungen des 18. Jahrhunderts in Mittelfranken" vor. Neben den überregional verbreiteten Beispielen, die seit dem 18. Jahrhundert unter dem Einfluss des Barock und Klassizismus entstanden, überraschte er mit frühen Befunden für flächig verputzte und monochrom weiß gestrichene Innenräume mit Stuckdecken im "Alten Schloss" in Neustadt/Aisch von 1602. Dirk Knüpfer (Halle/ Saale) präsentierte die vielfältigen Putzoberflächen und Farbbefunde am Jagdschlösschen aus Eyerlohe von 1778 und dem Korbhaus aus Knittelsbach von 1821 im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Vielfältige Farbbefunde im Innern eines äußerlich schlichten Fachwerkhauses in Stetten, Gänseteich 3, zeigte Ingrid Winklmann, darunter rote  Fachwerkbemalungen mit Inschriften, floralen Mustern und der Datierung "1751". Die unterschiedlich aufwendige Gestaltung der Malereien erlaubt Rückschlüsse auf die Hierarchie und Nutzung der Räume des Gebäudes, das mutmaßlich als Wirtshaus diente.
Einen Ausblick nach Norden ermöglichte dann
Beat Sigrist (Münster), der Fugenmalereien auf Backsteinmauerwerk aus Westfalen vorstellte. Neben der 1222 geweihten Klosterkirche Marienfeld bei Gütersloh als singulärem Beispiel aus dem Hochmittelalter zeigte er datierte Befunde für rot überschlämmtes Backsteinmauerwerk mit weißer, z.T. ornamental bereicherter Fugenmalerei an Massiv- und Fachwerkbauten zwischen 1450/86 (d, Werne a.d. Lippe) und 1651 (Lippstadt-Overhagen, Schlosskapelle) mit einem Schwerpunkt im 16. Jahrhundert (z.B. am Schloss Oesterholz, Kr. Lippe, 1597- 99).
Die letzte Sektion
"19./20. Jahrhundert" (28. Juni) war mit sieben Vorträgen gut bestückt: Christiane Meier (Hamburg) berichtete über "Biographien, Nachlässe und Raumgestaltungen" von drei "Dekorations- und Stubenmalern" des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus Niedersachsen. Eine restauratorische Reihenuntersuchung von zehn Wohnhäusern aus der Zeit zwischen 1820 und 1905 konnte Marlies Genßler (Sternebeck/Brandenburg) in dem Dorf Horno in der Niederlausitz durchführen, das inzwischen für den Braunkohlentagebau devastiert worden ist (vgl. die Rezension S. 19f. in dieser Ausgabe). Sie fand eine große Vielfalt an farbigen Schablonenmalereien und Gummirollenmustern des 19. und 20. Jahrhunderts, die chronologisch und statistisch ausgewertet wurden.
Kerstin Klein (Hannover) zeigte die überaus aufwendige und vollständig erhaltene Möbel- und Raumausstattung (einschließlich Tapeten und Textilien) eines herrschaftlichen Wohnhauses von 1865 und 1875 auf einem Bauernhof in Jerxheim (Lkr. Helmstedt), der im 19. Jahrhundert durch Zuckerrübenanbau zu Geld gekommen war. Mit repräsentativen Räumen, einer Bibliothek und einem eigenen Museum (!) betätigte sich der Bauer als bürgerlicher Kunst- und Antiquitätensammler.
Die im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert weit verbreiteten Schablonen und Musterwalzen waren das Thema der der beiden folgenden Vorträge:
Silvia Kuch (Köln) stellte einen Bestand von ca. 850 Musterwalzen aus dem Fränkischen Freilandmuseum vor und zeigte die kleingewerbliche Herstellung der Walzen mit einer Pressmaschine. Barbara Rinn (Marburg) präsentierte die statistische Auswertung des Sch‧blonenbestandes eines hessischen Malers der Zeit um 1900 mit über 600 Schablonen, die für z.T. mehrschlägige Muster verwendet wurden.
Dass auch die vom offenen Herdfeuer verräucherten Fletträume niederdeutscher Hallenhäuser bunt sein konnten, zeigte
Wolfgang Dörfler (Hesedorf/Niedersachsen) am Beispiel aktueller Befunde in einem von der IGB restaurierten Bauernhaus in Ostereistedt (Lkr. Rotenburg/ Wümme). Vergleichbare stark farbige Quader - oder Rautenmuster an Herdwänden sind im Elbe-Weser-Raum vielfach nachweisbar.
 
Zum Abschluss berichtete
Georg Waldemer (München), anknüpfend an Ariane Weidlich, über moderne "Lüftlmalereien" in Oberbayern, die sich seit ihrer Revitalisierung durch Münchner Künstler im Zuge der Heimatschutzbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bis heute einer ungebrochenen Popularität erfreuen.
Zwei
Exkursionen zu Fuß ins Fränkische Freilandmuseum und zur "Baugruppe Stadt" bzw. in die Innenstadt von Bad Windsheim sowie die optionale Teilnahmemöglichkeit an der "Museumsnacht" am 28. Juni rundeten das ertragreiche Tagungsprogramm ab. Es bleibt zu hoffen, dass die spannenden Ergebnisse bald in einem Tagungsband publiziert werden, um die Diskussion um die zu Beginn gestellte Forderung nach einer systematischen Dokumentation und Auswertung der vielfältigen Farbuntersuchungen weiter voranzubringen.
 
Heinrich Stiewe
Regionalgruppe Bayern
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