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Farbe und Dekor. Bericht über die 26. Tagung des AHF in Bayern am 26.- 28. Juni `08 in Bad Windsheim Aus historischem Anlass traf sich die Regionalgruppe Bayern des AHF in diesem Jahr im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim: Vor 25 Jahren, am 28. Juli 1983, hatte hier eine kleine Arbeitstagung mit dem Titel "Das farbige Haus" stattgefunden, die erstmals Ergebnisse von restauratorischen Farbuntersuchungen an "einfachen" ländlichen Profanbauten wie Bauern- und Tagelöhnerhäusern diskutierte - während in der bis dahin üblichen denkmalpflegerischen Praxis nur "anspruchsvolle" Gebäude wie z.B. Kirchen oder Schlösser solcher Untersuchungen für würdig befunden wurden. In seinem Abendvortrag am 26. Juni erinnerte Konrad Bedal (Bad Windsheim) an diese Tagung und stellte beispielhafte Ergebnisse von seitdem im Fränkischen Freilandmuseum durchgeführten Farbuntersuchungen vor - mit dem 1983 noch verblüffenden Ergebnis: Auch die "einfachen" Häuser der "kleinen Leute" waren bunt! Die von Herbert May, Georg Waldemer und Ariane Weidlich in Zusammenarbeit mit dem Fränkischen Freilandmuseum vorbereitete Tagung war mit 130 gemeldeten Teilnehmern überdurchschnittlich gut besucht. Besonders anregend waren die vielfältigen Diskussionen zwischen Bauforschern und Restauratoren, die etwa zu gleichen Teilen anwesend waren. Auch erwies es sich als gute Entscheidung, die immense Zahl von 26 gemeldeten (und 25 gehaltenen) Vorträgen auf drei Tage zu verteilen. Nach der Begrüßung durch Konrad Bedal (Fränkisches Freilandmuseum) und Georg Waldemer (Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern) eröffnete Johannes Cramer (Berlin) die Sektion "Überblicksdarstellungen" (26. Juni) mit einer kritischen Betrachtung des Forschungsstandes zur historischen Architekturfarbigkeit, den er nach wie vor als unbefriedigend einschätzte. Vor allem vermisste er einen systematischen Überblick über die zahllosen Einzeluntersuchungen der letzten Jahrzehnte, die vielfach unpubliziert in den Schubladen der Denkmalämter schlummern. Er erinnerte an den von Gottfried Semper ausgelösten "Polychromiestreit" des 19. Jahrhunderts. Mittlerweile ist die Farbigkeit antiker Tempel längst ein ebenso etabliertes Forschungsfeld wie die Wandmalerei des Mittelalters, während die Polychromie mittelalterlicher Skulpturen und Außenfassaden noch lange übersehen worden ist. Cramer erinnerte an die ersten Befunduntersuchungen in Schweizer Bürgerhäusern (Basel, Bern, Zürich) seit den 1970er Jahren mit spektakulären Ergebnissen bis zurück ins 14. Jahrhundert. Der Fachwerkbau wurde dagegen von einem beschränkten Spektrum aus preiswerten Erdfarben (Schwarz/ Grau, Rot, Gelb) dominiert. Schließlich habe die Hausforschung mit ihren restauratorischen Untersuchungen zu Profanbauten auch die Wahrnehmung der Moderne verändert - "sie war nicht weiß, sondern bunt!" Cramers Forderung nach einer systematischen Dokumentation und Auswertung der Fülle an vorliegenden Farbbefunden zum Profanbau ist unbedingt zuzustimmen. Ulrich Knapp (Leonberg) gab einen Überblick zu farbig glasierten Dachziegeln und gemusterten Dachdeckungen mit zahlreichen Beispielen vom Mittelalter bis heute - eines der ältesten ist die in situ erhaltene Dachdeckung auf dem Konstanzer Münster von 1239. Aber auch im profanen Hausbau gibt es hier - trotz fortschreitender Vernichtung alter Dachdeckungen - noch spanende Entdeckungen zu machen, wie z.B. farbig glasierte Biberschwänze auf einem Fachwerkhaus des 15. Jahrhunderts in Dambach-la-Ville (Elsaß), das während der AHF-Tagung in Wissembourg 2007 besichtigt wurde. Michael Back (Bad Windsheim), Restaurator und "Museumsziegler" am Fränkischen Freilandmuseum, stellte "Die Farbe Blau im historischen Hausbau" vor. Während alte Blaupigmente wie "Ägyptischblau", Azurit, Lapislazuli oder Smalte für den schlichten Profanbau zu teuer waren, gewannen seit dem 18. Jahrhundert synthetische Blaufarbstoffe an Bedeutung: Den Anfang machte das seit etwa 1740 gewerblich hergestellte "Berliner Blau", doch verhalf erst das 1836 patentierte synthetische Ultramarin der Farbe Blau zum Durchbruch im profanen Hausbau. Aktuelle Befunde zur Farbigkeit Nürnberger Bürgerhäuser stellte Herbert May (Bad Windsheim) vor und wies darauf hin, das Farbe im Stadtraum bis heute eine "hoch emotionale Angelegenheit" sei. So sei es schwer vermittelbar, dass entgegen den heutigen Sehgewohnheiten auch der hoch geschätzte Nürnberger Burgsandstein vielfach farbig überfasst worden sei - was er mit vielfältigen Befunden für gemalte Steinoberflächen und Quaderungen auf Steinfassaden belegte. Weiterhin stellte er Fachwerkfassungen vor und erinnerte an die nur noch durch historische Bildquellen überlieferten Illusionsmalereien an Nürnberger Fassaden von Albrecht Dürer und anderen Malern. Über "Farbe am Holzbau" der Zentralschweiz berichtete Benno Furrer (Zug, CH). Im Berner Oberland entwickelte sich an Blockbauten von Ratsherren und reichen Bauern seit dem 17. Jahrhundert ein "Standardrepertoire" von Schnitz- und Farbdekoration, während sich in Appenzell ab der Mitte des 19. Jahrhunderts großflächige Bemalungen von Scheunen in rot, ocker, beige oder gelb im Kontrast zu grauen Wohnhausfassaden verbreiteten. Neben allgemeinem Repräsentationsbedürfnis und Zierfreude sah Furrer auch Kommunikation und konfessionelle Abgrenzung als Ursachen für die Farbigkeit der Holzbauten. Sehr stark in die Einzelbefunde ging der Vortrag von Stefan Uhl (Warthausen) und Cornelia Ma‧rinowitz (Winterthur, CH) zu "monochrome(n) und farbige(n) Fassungen in Stuben des 14.-18. Jahrhunderts im südlichen Oberschwaben". Uhl stellte die baulichen Strukturen der untersuchten Bohlenstuben des 14. und 15. Jahrhunderts aus Ravensburg (u.a. Humpisquartier ab 1375 d) und Leutkirch ("gotisches Haus") vor, während Marinowitz die Farbbefunde im Einzelnen besprach. Besonders gründlich untersucht wurden die immer wieder angetroffenen Schwarzfassungen auf Bohlenwänden und -decken, die durch Bindemittelanalysen zweifelsfrei als Anstriche und nicht etwa verrußte oder nachgedunkelte Oberflächen identifiziert werden konnten. Dabei sind Braunfassungen (Kasseler Braun) und so genannte Bisterfassungen (von frz. bistré = nussbraun ), proteingebundene Rußlasuren oder Beizen aus aufgekochtem Glanzruß, zu unterscheiden. Als Bindemittel konnten Leim sowie Tempera und Öl nachgewiesen werden. In der Neuzeit sind schließlich neben den weiterhin weit verbreiteten Schwarzfassungen auch teure Grünfassungen in oberschichtigen Bauten belegbar (Malachit, "Schweinfurter Grün", letzteres wegen seiner hohen Giftigkeit schon 1887 verboten). In der Diskussion, die aus Zeitgründen erst am folgenden Tag stattfinden konnte, standen die schwarzen und grünen Farbfassungen im Mittelpunkt. Dabei hielt Restaurator Holger Wilcke (Heideck) ein leidenschaftliches Plädoyer für das "finstere Mittelalter" in Form der für heutige Betrachter schwer vorstellbaren Schwarzfassungen in Stuben, aber auch an Dachstuhlhölzern, die er mittlerweile in knapp 60 Fällen durch Bindemittelanalyse nachweisen kann (aktuelle Liste im Internet unter www.holger- wilcke.de/schwarzfassungen.html). Vergleichbare Befunde liegen auch aus der Schweiz, Sachsen und Sachsen-Anhalt vor. Zu den "Pionieren", die Farbbefunde an profanen Bürgerhäusern schon seit den 1970er Jahren systematisch untersuchen, gehört das aus einer studentischen Arbeitsgruppe hervorgegangene "Freie Institut für Bauforschung und Dokumentation" (IBD) in Marburg. Als Auftakt der Sektion "Spätes Mittelalter / Frühe Neuzeit" präsentierte Ulrich Klein (Marburg) einen kompakten Überblick über "Farbiges Fachwerk in Hessen". Durch eine konsequent stratigraphische Befunderhebung konnte für hessische Städte eine gesicherte Chronologie der Fachwerkfarbigkeit aufgestellt werden, die von ungefassten, manchmal strukturierten Kalkputzen im 15. Jahrhundert über schwarze Fachwerkaufmalungen mit Begleitlinien (ab etwa 1520) und Rotfassungen (ab 1570) neben gelegentlichen ockergelben Bemalungen schließlich zu Graufassungen im 17. Jahrhundert führt. Ähnliche Befunde konnte Edgar Hartmann (Marktheidenfeld) für die unterfränkische Stadt Karlstadt am Main vorstellen, deren farbige Fachwerkbemalungen vornehmlich des 16. Jahrhunderts durch aufgemalte "schwarze Blumen", Wappen und z.T. datierende Inschriften in den Gefachen bereichert sind. Als bedeutenden Einzelbefund hatte zuvor Birgit Kata (Kempten) das frühere Beginenhaus in Kempten/Allgäu vorgestellt, einen Massivbau von 1357 d, der seit dem 15. Jahrhundert als patrizischer Wohnsitz diente und 1584 eine anspruchsvolle Neuausstattung der Spätrenaissance mit Kassettendecken, grünen Bodenfliesen und reichen Malereien erhielt. Archivalische Funde zu Farbmaterialien aus Baurechnungen und Kostenanschlägen des 15. bis 18. Jahrhunderts hat Robert Giersch (Offenhausen) gesammelt. Wie im erhaltenen Baubestand sind rote und gelbe Ockererden als Massenprodukte am häufigsten nachweisbar; sie stammen aus Farbgruben etwa bei Nürnberg ("Nürnberger Rot") oder Schwandorf. Andere Pigmente wie Kienruß, Mennige, Silberglätte oder Bleiweiß erscheinen dagegen seltener in den Rechnungen, die darüber hinaus vielfältige Auskünfte zu Malern, Tünchern oder Farbhändlern enthalten. Claus Giersch (Fürth) präsentierte seltene Fladertapetenfunde der Zeit nach 1560 aus dem Haus Seegasse 8 in Bad Windsheim (vgl. den Vorbericht von Konrad Bedal in AHF- Mitt. 72, 2008), die am folgenden Tag auch besichtigt werden konnten. Als Produzenten der Drucke kommen Nürnberger Briefmaler und Fladerpapierhersteller in Frage; als Vorlage für die perspektivische Architekturdarstellung konnte ein Stich im "Intarsienbuch" von Erasmus Loy (Regensburg, 1520-1570) nachgewiesen werden. Der folgende Vortrag von Peter Barthold (Münster) erlaubte einen vergleichenden "Blick über den Tellerrand" nach Rheine in Westfalen, wo im 1579/80 (d) datierten Hinterhaus eines nachweislich seit 1780, aber vermutlich schon früher als Herberge genutzten Bürgerhauses diverse frühe Innenraumfassungen, u.a. mit gemalten Intarsien und Maserierung, entdeckt wurden. Runde Abdrücke von ehemals aufgeklebten Papieren an einer Decke lassen an ähnliche gedruckte Medaillons denken, wie sie auch in Bad Windsheim gefunden wurden. Die folgende Sektion "Vorindustrielle Zeit (17.-Mitte 19. Jahrhundert)" eröffnete Ariane Weidlich (Glentleiten) mit einer kritischen Sichtung der bekannten und mit allen denkbaren Oberbayern-Klischees behafteten "Lüftlmalereien" des späten 18. Jahrhunderts im bayerischen Voralpenland. Als Auftraggeber dieser spätbarocken Fassadenmalereien, die von Kirchenmalern in einer Mischtechnik aus Fresko- und Seccomalerei ausgeführt wurden, lassen sich wohlhabende Verleger in Handelsorten wie Mittenwald, Ober- und Unterammergau oder Reit im Winkl ausmachen, doch wurden auch große Bauernhöfe oder einfache Handwerkerhäuser bemalt. Durch fortwährende Überarbeitung ohne restauratorische Begleitung bis in jüngste Zeit ist eine Beurteilung vieler Malereien problematisch. Thomas Wenderoth (München) stellte Befunde für "monochrome Fachwerkfassungen des 18. Jahrhunderts in Mittelfranken" vor. Neben den überregional verbreiteten Beispielen, die seit dem 18. Jahrhundert unter dem Einfluss des Barock und Klassizismus entstanden, überraschte er mit frühen Befunden für flächig verputzte und monochrom weiß gestrichene Innenräume mit Stuckdecken im "Alten Schloss" in Neustadt/Aisch von 1602. Dirk Knüpfer (Halle/ Saale) präsentierte die vielfältigen Putzoberflächen und Farbbefunde am Jagdschlösschen aus Eyerlohe von 1778 und dem Korbhaus aus Knittelsbach von 1821 im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim. Vielfältige Farbbefunde im Innern eines äußerlich schlichten Fachwerkhauses in Stetten, Gänseteich 3, zeigte Ingrid Winklmann, darunter rote Fachwerkbemalungen mit Inschriften, floralen Mustern und der Datierung "1751". Die unterschiedlich aufwendige Gestaltung der Malereien erlaubt Rückschlüsse auf die Hierarchie und Nutzung der Räume des Gebäudes, das mutmaßlich als Wirtshaus diente. Einen Ausblick nach Norden ermöglichte dann Beat Sigrist (Münster), der Fugenmalereien auf Backsteinmauerwerk aus Westfalen vorstellte. Neben der 1222 geweihten Klosterkirche Marienfeld bei Gütersloh als singulärem Beispiel aus dem Hochmittelalter zeigte er datierte Befunde für rot überschlämmtes Backsteinmauerwerk mit weißer, z.T. ornamental bereicherter Fugenmalerei an Massiv- und Fachwerkbauten zwischen 1450/86 (d, Werne a.d. Lippe) und 1651 (Lippstadt-Overhagen, Schlosskapelle) mit einem Schwerpunkt im 16. Jahrhundert (z.B. am Schloss Oesterholz, Kr. Lippe, 1597-99). Die letzte Sektion "19./20. Jahrhundert" (28. Juni) war mit sieben Vorträgen gut bestückt: Christiane Meier (Hamburg) berichtete über "Biographien, Nachlässe und Raumgestaltungen" von drei "Dekorations- und Stubenmalern" des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus Niedersachsen. Eine restauratorische Reihenuntersuchung von zehn Wohnhäusern aus der Zeit zwischen 1820 und 1905 konnte Marlies Genßler (Sternebeck/Brandenburg) in dem Dorf Horno in der Niederlausitz durchführen, das inzwischen für den Braunkohlentagebau devastiert worden ist (vgl. die Rezension S. 19f. in dieser Ausgabe). Sie fand eine große Vielfalt an farbigen Schablonenmalereien und Gummirollenmustern des 19. und 20. Jahrhunderts, die chronologisch und statistisch ausgewertet wurden. Kerstin Klein (Hannover) zeigte die überaus aufwendige und vollständig erhaltene Möbel- und Raumausstattung (einschließlich Tapeten und Textilien) eines herrschaftlichen Wohnhauses von 1865 und 1875 auf einem Bauernhof in Jerxheim (Lkr. Helmstedt), der im 19. Jahrhundert durch Zuckerrübenanbau zu Geld gekommen war. Mit repräsentativen Räumen, einer Bibliothek und einem eigenen Museum (!) betätigte sich der Bauer als bürgerlicher Kunst- und Antiquitätensammler. Die im frühen bis mittleren 20. Jahrhundert weit verbreiteten Schablonen und Musterwalzen waren das Thema der der beiden folgenden Vorträge: Silvia Kuch (Köln) stellte einen Bestand von ca. 850 Musterwalzen aus dem Fränkischen Freilandmuseum vor und zeigte die kleingewerbliche Herstellung der Walzen mit einer Pressmaschine. Barbara Rinn (Marburg) präsentierte die statistische Auswertung des Sch‧blonenbestandes eines hessischen Malers der Zeit um 1900 mit über 600 Schablonen, die für z.T. mehrschlägige Muster verwendet wurden. Dass auch die vom offenen Herdfeuer verräucherten Fletträume niederdeutscher Hallenhäuser bunt sein konnten, zeigte Wolfgang Dörfler (Hesedorf/Niedersachsen) am Beispiel aktueller Befunde in einem von der IGB restaurierten Bauernhaus in Ostereistedt (Lkr. Rotenburg/ Wümme). Vergleichbare stark farbige Quader- oder Rautenmuster an Herdwänden sind im Elbe-Weser-Raum vielfach nachweisbar. Zum Abschluss berichtete Georg Waldemer (München), anknüpfend an Ariane Weidlich, über moderne "Lüftlmalereien" in Oberbayern, die sich seit ihrer Revitalisierung durch Münchner Künstler im Zuge der Heimatschutzbewegung des frühen 20. Jahrhunderts bis heute einer ungebrochenen Popularität erfreuen. Zwei Exkursionen zu Fuß ins Fränkische Freilandmuseum und zur "Baugruppe Stadt" bzw. in die Innenstadt von Bad Windsheim sowie die optionale Teilnahmemöglichkeit an der "Museumsnacht" am 28. Juni rundeten das ertragreiche Tagungsprogramm ab. Es bleibt zu hoffen, dass die spannenden Ergebnisse bald in einem Tagungsband publiziert werden, um die Diskussion um die zu Beginn gestellte Forderung nach einer systematischen Dokumentation und Auswertung der vielfältigen Farbuntersuchungen weiter voranzubringen. Heinrich Stiewe 27. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern am 28.05.2009 im Antonierhaus in Memmingen Zum Auftakt des eintägigen Treffens, das im Antonierhaus in Memmingen stattfand, wurden die Tagungsteilnehmer offiziell von Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger begrüßt. Im folgenden, inhaltlich ausgerichteten Grußwort skizzierte Generalkonservator Prof. Dr. Egon Johannes Greipl die schwierige Situation der Denkmalpflege im ländlichen Raum, in dem ein dramatischer Rückgang des historischen Baubestandes zu verzeichnen ist. So stehen derzeit insgesamt 4000 unter Denkmalschutz gestellte Gebäude leer, die Mehrzahl davon ist in ihrer Substanz gefährdet. Als Einführung in das Tagungsprogramm, das sich in einen Vormittags- und einen Nachmittagsteil mit unterschiedlichen Schwerpunkten gliederte, stellte Georg Waldemer Themen und Exkursionsziele in knapper Form vor. Der Themenblock „Schwaben“ startete mit einem Überblick von Dr. Otto Kettemann, Leiter des Bauernhofmuseums Illerbeuren, der über „Aspekte traditionellen ländlichen Bauens in Schwaben“ referierte und in Bezug zum Tagungsort die unterschiedlichen bäuerlichen Hausformen im südlichen Schwaben vorstellte. Nach heutigem Kenntnisstand haben sich in Schwaben relativ wenige keine ländlichen Gebäude aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg erhalten, was bedeutet, dass der überkommene Baubestand im Vergleich zu anderen Regionen Bayerns (z.B. Mittelfranken oder Oberbayern) relativ jung ist. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts ist in Schwaben eine ländliche Baukonjunktur zu verzeichnen, in deren Folge sich Bautraditionen und formale Kontinuitäten entwickelten, die teils bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wirksam waren. So ist im südlichen Schwaben der Einfirsthof die Regel. Im nördlichen Bereich finden sich ausschließlich steile Sparrendächer, während im Süden das flach geneigte Rafendach klar dominiert. Im Norden und auch im östlichen Allgäu sind die Häuser als Ständerbauten, im inneren Allgäu, in der Gegend von Sonthofen, sowie im Westallgäu im Wesentlichen als Blockbauten errichtet. Verwendung fanden vor allem regional vorhandene Baustoffe. Der häufige Einsatz von Stroh als Dachdeckungsmaterial im Norden des betrachteten Gebietes erklärt sich vornehmlich aus dem in dieser Region stärkeren Getreidebau. Während im Allgäu der Wohnteil als Dreiraumwürfel (sog. „Allgäuer Grundriss“) ausgebildet wurde, ist für den Norden das traufseitig erschlossene Mittertennhaus charakteristisch. Kettemann illustrierte seine Ausführungen hierzu mit Beispielen aus dem Schwäbischen Bauernhofmuseum Illerbeuren. Nach diesem Überblick ging Kettemann auf zwei spezielle Entwicklungen ein, die entscheidenden Einfluss hatten auf Landschaftsbild, Siedlungsstruktur und Bauform: Vereinödung und Milchwirtschaft. Der Prozess der Vereinödung setzte bereits im 16. Jahrhundert ein und dauerte etwa bis ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts an. Die Vereinödung, die mit Billigung der Obrigkeit erfolgte, führte unter anderem zu einer Art Flurbereinigung und zur Aussiedlung von Bauernhöfen. Die vielen Einödhöfe, die es heute noch unmittelbar südlich von Memmingen gibt, sind eine Folge dieses bäuerlichen Gestaltungs- und Reformwillens. Im 19. und 20 Jahrhundert wurde im alpinen Schwaben und dem Alpenvorland die landwirtschaftliche Produktion ausschließlich auf Milchproduktion umgestellt, was zur Entstehung der charakteristischen Wiesenlandschaft und zur Vergrößerung der Wirtschaftsteile der Bauernhöfe führte. Der folgende Vortrag widmete sich einem grenzüberschreitenden Phänomen „Der ‚Schopf’ in Vorarlberg und im Allgäu; Wege der Diffusion“. Analog zum Verbreitungsgebiet des „Schopfes“ kamen auch die beiden Referenten aus Deutschland und Österreich. Als „Schopf“ oder „Schlupf“ werden in Vorarlberg und im Allgäu sekundäre laubenartige Anbauten an Giebel- oder Traufseite bezeichnet, die sich in der Regel auf der wettergeschützten Ostseite des Hauses befinden. Die multifunktionalen Lauben wurden als temporäre Wohn- und Arbeitsräume sowie als Lagerflächen genutzt. Darüber hinaus hatten sie durch ihre Situierung zwischen „innen“ und „außen“ des Hauses die indirekte Funktion eines Klimapuffers. Dr. Klaus Pfeifer stellte in einem ersten Teil dendrochronologisch untersuchte Beispiele aus dem Bregenzer Wald vor, bei denen es sich um überwiegend in Blockbauweise errichtete Einfirsthöfe mit unterschiedlichen Grundrisslösungen im Wohnbereich (Mittelfluranlagen, Quer-/Eckflurgrundrisse, Seitenflurgrundrisse) handelte. Im Fall des Hauses Fallenbach 92 in Egg konnte nachgewiesen werden, dass die beiden traufseitigen Anbauten aus zwei unterschiedlichen Bauphasen stammen, 1618 (d) und 1683 (d), und frühe Belege für „Schlupfe“ sind. Die übrigen Beispiele datieren alle wesentlich später, aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Abschließend ging Pfeifer der interessanten Frage nach der Korrelation von Bauform und regionalem Klima anhand von Klimakurven aus der Tannbergregion für die Jahre 1500 bis 1750 nach und stellte zur Diskussion, ob die Verbreitung des Phänomens „Schopf“ als Reaktion auf nachweisbare, signifikante Kältephasen zu interpretieren ist. Direkt anschließend präsentierte Dr. Hildegard Sahler, Referentin in der praktischen Denkmalpflege, Beispiele aus dem benachbarten Allgäu. Im Gebiet der ehemaligen Herrschaft Hohenschwangau, zu dem heute die Gemeinden Schwangau und Halblech gehören, findet sich noch heute das sog. „Schwangauer Laubenhaus“ mit traufseitiger Laube, die im EG offen und im OG verbrettert war. Die älteste nachgewiesene Laube gehört zum Mittertennbau Kröb 26 und stammt aus dem Jahr 1702 (röntgendendrochronologische Untersuchung). Am Haus Häringen 2, 1543 (d) als Flurküchenhaus mit Mittertenne errichtet, wurde der „Schlupf“ 1766/67 (d) angebaut. Gleichzeitig belegen historische Bildquellen wie eine Karte von 1551, dass es sich auch bei den Allgäuer Beispielen um sekundäre Anbauten handelt. Nach Auffassung von Sahler handelt es sich bei Herkunft und Verbreitung des „Schlupfs“ um einen klassischen Fall von Kulturtransfer. Der „Schlupf“ stammt aus Vorarlberg und wanderte von West nach Ost. Offen muß derzeit noch bleiben, ob die zeitlich und regional begrenzte Übernahme dieses Phänomens durch historische, lokal auftretende negative Wetterbedingungen zu erklären ist. Im Anschluss folgte ein Vortrag aus dem Bereich der Archäologie: „Kontinuität in Augsburg / mittelalterliche Holzstrukturen auf römischen Mauerresten“. Referent Dr. Volker Babucke berichtete über Grabungskampagnen im Bereich der Augsburger Bischofstadt, am Pfannenstiel und hinter dem Schwalbeneck 5-9, die mit Unterbrechungen von 1996 bis 2008 durchgeführt worden waren. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass römische Pfahlrostgründungen, wie sie aus dem militärischen Bereich und aus dem Kastellbau bekannt sind, sowie Fundamentreste in Form einer Apsis in frühmittelalterliche Baustrukturen integriert wurden. Der Fund einer Öllampe mit Kreuzornament legt die Interpretation nahe, dass es sich bei den Fundamentmauern um die baulichen Fragmente eines frühen christlichen Gebäudes in Augsburg handelt. Als letzte Referentin vor der Mittagspause berichtete Carolin-Sophie Prinzhorn über „Verschmauchte Dachwerke; Forschungen zum Rauchabzug in städtischen Wohnbauten Memmingens“ und formulierte die Hypothese, dass bauzeitliche Rauchhausanlagen anhand von Dachstühlen mit starken Verrußungsspuren nachgewiesen werden können. Im Kontext dieser Fragestellung stellte die Referentin vier ausgewählte Dachwerke vor, die beim nachmittäglichen Rundgang auch besichtigt werden konnten: das Kramerzunfthaus (1439 d) mit liegendem Stuhl über zwei Geschosse und einem Zwischenboden auf der ersten Kehlbalkenebene; das Weberzunfthaus (1438 d) mit einem stehenden und liegenden Stuhl; Haus Schwanenmeyer mit insgesamt fünf liegenden Stühlen in typologisch unterschiedlichen Varianten, die vom ältesten Typ ohne Spannriegel bis zur barocken Stuhlkonstruktion mit fünfeckiger Schwelle und gekipptem Rähm reichen; Wohnhaus Kramerstr. 16 (1386 d) mit stehendem Stuhl und Walm am rückwärtigen Giebel sowie einem sekundären Steilgiebel auf der Vorderseite. Nach einem Mittagessen in dem spätgotischen, vor wenigen Jahren sanierten und mit teilrekonstruierter Fassung versehenen Gewölberaum – der sogenannten „Dürftigenstube“ des Kreuzherrenklosters, dem Erdgeschoß des Nordwestflügels – folgte der zweite Teil der Vorträge: Das Nachmittagsprogramm war durch zwei Referate zunächst von einer Thematik geprägt, die gewissermaßen die Fortsetzung der letztjährigen Tagung in Bad Windsheim (Farbe und Dekor im historischen Hausbau) bildete, bezogen auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Nikolaus Bencker, Mitarbeiter bei der städtischen Denkmalschutzbehörde Nürnberg, referierte über die „Fassadenkunst der Wiederaufbauzeit im Stadtgebiet von Nürnberg“: Die „Kunst am Bau“ wurde in der Nachkriegszeit zu einem politischen Programm. So beschloss der Bundestag im Januar 1950 eine Rahmenempfehlung zur Förderung der bildenden Künste, die ein bis zwei Prozent der Bauauftragssumme für bildnerische und kunsthandwerkliche Arbeiten vorsah. Kurz zuvor hatte die Oberste Baubehörde in Bayern eine Weisung mit gleichem Inhalt und eine Empfehlung für Siedlungs-, Handels- und Industrieunternehmen erteilt. Dieser Festlegung schlossen sich – freiwillig – auch Wohnbaugesellschaften, aber auch Privatleute an, vielfach solche, die für die Schaffung neuen Wohnraums Fördermittel vom Staat erhielten. In der Folgezeit entstand eine Vielzahl von Gestaltungen an Fassaden, aber auch im Inneren von Gebäuden. Diese Kunst am Bau beschränkte sich nicht nur auf öffentliche Gebäude, sondern erstreckte sich in gleicher Weise auch auf sakrale Bauwerke, auf Wohnhäuser, Banken, auch Milchbars, Apotheken oder Cafés. Eine Bestandsaufnahme Benckers ergab für das gesamte Nürnberger Stadtgebiet 274 Wandgestaltungen unterschiedlichster Art, die zwischen 1945 und 1970 gefertigt wurden (und noch vorhanden bzw. fotografisch dokumentiert sind). Motivisch ist der Bogen weit gespannt: Lebenszyklen der Familie, Allegorien von Handel und Verkehr, Blumen und Tierdarstellungen, historisierende Wappendarstellungen, aber auch religiöse Szenen finden sich an Nürnberger Häusern der Wiederaufbauzeit. Immer wieder drückt sich in dieser Kunst aber auch – nach dem Wahnsinn des Krieges – die Sehnsucht der Menschen nach Ruhe, Geborgenheit und Frieden aus – zum Beispiel in der Darstellung eines unter der Mondsichel ruhenden Jünglings mit einer weißen Taube in der Hand, eines friedfertigen Lamm oder eines Kruges mit dem Lebenselixier Wasser auf einem gedeckten Tisch. Auch die für diese Kunst am Bau verwendeten Materialien sind vielfältig: Mosaike, Putzsgraffiti, Reliefs aus Naturstein, Beton oder Keramik, Arbeiten aus Ziegel und Glas, Gemälde und Drahtbilder zieren Fassaden, aber ebenso Treppenhäuser, Foyers, Kantinen und Flure. Besprechungs- und Versammlungsräume waren mit Tapisserien, Gobelins oder Plastiken ausgestattet. Bencker wies abschließend auch auf die Erhaltungsproblematik hin: Zahlreiche Objekte im Inneren der Gebäude sind durch Umbauten in den letzten 20 Jahren entfernt worden, und durch energetische Sanierungen werden Jahr für Jahr durch Abschlagen von Putzen und Aufbringen von Wärmeverbundsystemen viele dieser Schöpfungen unwiederbringlich und in der Regel ohne Dokumentation zerstört. Alleine in Nürnberg sind in den letzten 15 Jahren mindestens 22 Fassadenbildwerke verschwunden. Das zweite Referat des Nachmittags schloss thematisch eng an den Vortrag Benckers an. Bertram Popp, Leiter des Oberfränkischen Bauernhofmuseums Kleinlosnitz, referierte über „Wandgestaltungen im östlichen Oberfranken am Beispiel des Werkes von Karl Bedal (1914-1999)“. Der in der oberfränkischen Ortschaft Schwarzenbach/Saale geborene Karl Bedal studierte von 1936 bis 1938 an der pädagogischen Hochschule in Bayreuth für das Lehramt mit Schwerpunkt Volkskunde. Im Studium knüpfte er Kontakt zu Prof. Bruno Schier, besuchte Tagungen der damaligen Hausforschung und schloss sein Studium mit einer Zulassungsarbeit über Bauernhäuser im Fichtelgebirge ab. Nach der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft blieb er in Schwarzenbach wohnen, arbeitete im Schuldienst und als Grafiker für örtliche Betriebe und regionale Vereine und Verbände. Von 1958 an, mit dem Umzug nach Hof, war er als freischaffender Grafiker tätig, der seine besonderen Interessen an der Volkskunde, der Hausforschung und der Heimatgeschichte immer in seine Arbeit einfließen ließ. Privatpersonen waren ebenso Auftraggeber wie Vereine, Verbände, Firmen und Banken. Mit seinen Arbeiten versuchte er immer, die kulturgeschichtlichen Besonderheiten der jeweiligen Einrichtung herauszuarbeiten. Dazu gehören die Gebäude der IHK und der Hauptpost in Bayreuth, das Schillergymnasium in Hof oder die Parkschule in Münchberg, Bankgebäude in Berg oder Konradsreuth, Gaststätten im ganzen Landkreis, das Egerlandmuseum oder das Bauernhofmuseum, die Landwirtschaftsschule in Münchberg oder das Hallenbad in Schwarzenbach an der Saale. Einer seiner ersten Aufträge für die öffentliche Hand war die Gestaltung von Wänden in der Hofer Kaserne in den Jahren 1938/39; die Motive wurden 1945 im Auftrag der amerikanischen Militärverwaltung überstrichen. Bei der Bestandsaufnahme seines Nachlasses, die noch lange nicht abgeschlossen ist, wurden bisher 164 Entwürfe für Fassaden- und Wandgestaltungen ermittelt. Von Bad Alexandersbad bis Zell im Fichtelgebirge quer durch ganz Oberfranken, in Weiden, Nördlingen, Markdorf und Waldkraiburg. Der Schwerpunkt seines Schaffens lag jedoch eindeutig im östlichen Oberfranken: 41 Aufträge erhielt er in der Stadt Hof, 15 in Münchberg, sechs in Rehau, in Schwarzenbach und Helmbrechts. Seine öffentlich zugänglichen Gestaltungen zeichnen sich durch intensive mehrstufige Vorplanung aus, sie verwenden selten rein architektonische Elemente und Formensprachen sondern sie sind gegenständlich und erzählend. Sie leiten sich höchstens in der Frühzeit aus der architektonischen Gliederung ab. Je länger er in diesem Bereich arbeitete, desto stärker arbeitete und entwarf er gegen die Architektur, gegen Raumstruktur und gegen die zugrundeliegenden Gliederungselemente. Da er die Gebäude nicht plante, setzte seine gestalterische Arbeit erst ein, wenn es um die Füllung von Leerflächen ging, um „Kunst am Bau“. Er übte neben der klassischen Putzgestaltung, dem Sgraffito eine Reihe anderer Techniken aus: Er arbeitete mit der Glättspachtel, malte auf großen Bildplatten und nutzte die industrielle Herstellung von „Resopal“-Tafeln für seine künstlerischen Zwecke. Außerdem entwarf er Schriftzüge, die gegossen oder gestanzt wurden. Das Oberfränkische Bauernhofmuseum Kleinlosnitz kümmert sich in besonderem Maße um das Oeuvre Karl Bedals, der das Bauernhofmuseum mitbegründet hat. Erst vor kurzem ist das graphische Werk Bedals vom Museum übernommen worden. Geplant ist, nach einer umfassenden Inventarisierung eine Auswahl seines Werkes in einer Ausstellung zu präsentieren. Nach diesen detailreichen Darstellungen zu dem bislang in der Forschung nur marginal gewürdigten Thema „Kunst am Bau“ in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging es beim letzten Vortag der Tagung in einem großen Zeitsprung zurück ins Mittelalter. Bereits auf der Tagung der AHF-Regionalgruppe Bayern 2006 in München referierte der Bauforscher Christoph Kleiber (Ulm) über die Baugeschichte des sogenannten Zuhauses (Nebenhaus) des Fischerweberhofes in Rottach-Egern, das gegenwärtig im Oberbayerischen Freilichtmuseum an der Glentleiten wiederaufgebaut wird und mit einem Baukern aus dem späten 15. Jahrhundert ein – im Kontext oberbayerischer Blockbauten – erstaunlich hohes Alter aufweist. Das Hauptgebäude des Fischerweberhofes war schon 1993 dorthin übertragen worden. Die erstmals 1427 urkundlich erwähnte Hofstelle gehörte ehemals zum Besitztum des Klosters Tegernsee und war über einen langen Zeitraum bis 1667 Wohnort des Klosterfischers. Der Archäologe Stefan Wolters (Bamberg) referierte nun über die Ergebnisse der archäologischen Grabung auf dem Areal des abgebauten und ins Freilichtmuseum translozierten Zuhauses. Drei wichtige Ergebnisse sind dabei festzuhalten: 1. Es hat definitiv einen Vorgängerbau gegeben. Bei der Grabung konnten Keramikfragmente des 12. und 13. Jahrhunderts ermittelt werden, also aus einer Zeit weit vor der urkundlichen Ersterwähnung. Ergrabene Fundamentreste belegen zudem, dass es sich dabei offenbar um keinen Blockbau (wie es das ins Freilichtmuseum translozierte Gebäude ist), sondern um einen steinernen Massivbau gehandelt hat. 2. Ein Hauptanliegen der Bauforschung war die Klärung der Frage, ob die ins 15. Jahrhundert datierten Hölzer des vorhandenen Blockbaus möglicherweise sekundär verwendet wurden, also aus einem anderen Bauzusammenhang stammen. Die archäologischen Funde, vor allem die völlig ungestörten Schichten des hohen bis späten Mittelalters, legen den Schluss nahe, dass eine spätmittelalterliche Erbauungszeit durchaus wahrscheinlich ist, es sich folglich nicht um zweitverwendete Hölzer handelt. 3. Ergraben wurde auch ein sorgfältig gemauerter Latrinenschacht mit einem aufsitzenden Holzbalkenkranz, der aufgrund weiterer Befunde als außenliegender Abort mit einem hölzernen gedeckten Zugang – schon zugehörig zur Vorgängerbebauung – interpretiert werden kann. Der weitere Nachmittag war traditionsgemäß Exkursionen vorbehalten, denen der Referent des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Tobias Lange einen instruktiven Überblick zur baugeschichtlichen Entwicklung der Stadt Memmingen voranstellte. Solchermaßen mit einer strukturellen Basis ausgestattet, wandten sich die TeilnehmerInnen jeweils einer der vier parallel angebotenen Themenrundgängen durch die Stadt zu: Architekt Dr. Wolfram Arlart führte durch mittelalterliche Kelleranlagen im Innenstadtbereich. Arlarts diesbezügliche Forschungsergebnisse bildeten die Basis der 1978 in der Reihe „Memminger Geschichtsblätter“ als Sonderheft publizierten Dissertation bei Prof. Gruben/TU München. Zur damaligen Zeit noch selten, hatte Arlart eine weitgehend vollständige Vermessung aller Kelleranlagen im Innenstadtbereich erstellt und die Bezüge zu den rezenten Parzellengrenzen – auch unter Einbeziehung archivalischer Quellen – herzustellen versucht. Die ältesten Anlagen – meist mit quadratischem Grundriß und später auf Mittelstütze ablastend eingewölbt – scheinen noch ins 13. Jahrhundert zurückzugehen, einer Zeit, in der Memmingen seine Bedeutung als wichtiger Handelsplatz am Schnittpunkt überregionaler Transportwege gefestigt hatte. Die Wände dieser Anlagen waren in Tuff erstellt worden, einem lokal anstehenden Baumaterial, die Decken über Balkenlagen ausgeformt. Mit dem 14. Jahrhundert kommt dann nur noch Ziegel zum Einsatz. Eine Reihe von Kelleranlagen hat über die Einwölbung hinaus Umbauten erfahren, die im Einzelnen noch nicht bauanalytisch untersucht sind. Nur in einem Falle ist auch die über den Keller herausragende Bausubstanz in großem Umfange noch erhalten: dem sogenannten „Welfenturm“ an der Stadtmauer, wohl eine Struktur im Kern aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Die zweite Gruppe unter Führung von Prof. Dr. Kirmeier-Debré (Leiter der Museen im Antonierhaus) und Frau Arch. Stetter (leitende Architektin bei der Sanierung) gewnn vielfältige Eindrücke bei einem Rundgang durch weitere Räumlichkeiten des sogenannten „Antonierhauses“, dem Tagungsort. Dabei erhielten die Teilnehmer einerseits Einblicke in die Baugeschichte wie auch den Umgang im Zuge der Sanierung, andererseits auch einen Eindruck von den reichhaltigen Beständen der in diesem Komplex beheimateten Museen. An prominenter Stelle der Siedlung – im höchstgelegenen Teil der Altstadt hart an der Stadtmauern ,, unweit einem frühmittelalterlichen Reihengräberfriedhof und in direkter Nachbarschaft zur Pfarrkirche St. Martin erbrachten die zwischen 1991 und 1995 durchgeführten archäologischen Grabungen eine Reihe wichtiger Erkenntnisse zur Vorgeschichte der vierflügeligen Renaissance-Komplexes: über Resten einer römischen Kelleranlage aus Tuff (2. Jh. N. Chr.) – vielleicht Zeugen einer villa rustica – fanden sich bauliche Spuren mittelalterlicher Grubenhäuser und späterer Pfostenbauten auf einem hierzu stark aufplanierten Geländeteil mit Wallanlage. Auch Überreste der dem Spätmittelalter (gegen 1400) zuzuordnenen Vorgänger der bestehenden Anlage konnten dokumentiert werden, vornehmlich Ziegelbauten, wohl auch mit Teilen aus Ständerbohlenbau. Mit etwa 1530 war dann der Kern der bestehenden Anlage geschaffen, der in den nachfolgenden Jahrhunderten im Wesentlichen keine größeren Umbauten, wohl aber Anbauten erhielt. (Zur Bau- und Nutzungsgeschichte kann auf die einschlägige Publikation des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege verwiesen werden (Das Antonierhaus in Memmingen. Beiträge zur Geschichte und Sanierung [= Arbeitshefte, Bd. 84], München 1996). Frau Caroline Prinzhorn konnte im Rahmen ihrer Führung durch mehrere Dachwerke der Stadt ihre im Referat am Vormittag präsentierten Befunde, Thesen und Fragen mit den Exkursionsteilnehmern weiter und vertieft erörtern. Die vierte Gruppe folgte den beiden Gebietsreferenten des Landesamtes für Denkmalpflege, Dr. Markus Weis (vormals zuständig für die Stadt Memmingen) und Dr. Tobias Lange (gegenwärtig zuständiger Referent) zu zwei kunst- wie bauhistorisch bemerkenswerten Architekturobjekten: Dem Kreuzherrenkloster, dabei nicht zuletzt dem Dachwerk der Kirche dieser baugeschichtlich komplexen Anlage, die von 1999 bis 2003 einer tiefgreifenden Sanierung unterzogen worden war (Eine ausführliche Darstellung dieses Baudenkmals und der sanierenden Eingriffe liegt in Band 116 der Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege aus dem Jahr 2003 vor). Über der gotischen Hallenkirche dieses Klosters, die im Jahre 1709 eine aufwändige und sehr qualitätvolle Redaktion durch Wessobrunner Stuckateure erfuhr, erhebt sich ein dendrochronologisch auf 1485 datiertes Dachwerk über zwei Ebenen mit Mittelstütze und liegendem Stuhl, ein frühes Beispiel dieser Konstruktionsart für . Den Abschluß bildete eine Begehung des Dachwerks und Turms der alten Pfarrkirche St. Martin, unter der sich römische Bauspuren fanden, die gelegentlich als Teile einer Befestigung (burgus) interpretiert werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient in der Pfarrkirche der Ostteil des Dachwerks, welches dendrochronologisch auf 1407/1408 datiert wurde und im Querschnitt die ungewöhnliche Form eines Trapezes mit abgeschrägten oberen Ecken aufweist. Diese singuläre Form bzw. Konstruktion hat zu Überlegungen Anlaß gegeben, hier eine frühe typologische Zwischen- bzw. Übergangsstufe vom stehenden zum liegenden Stuhl zu vermuten. Herbert May / Georg Waldemer / Ariane Weidlich Bericht über das 27. Jahrestreffen des Arbeitskreises für Hausforschung in Bayern am 28.05.2009 im Antonierhaus in Memmingen Farbe und Dekor. Bericht über die 26. Tagung des AHF in Bayern am 26.- 28. Juni `08 in Bad Windsheim Regionalgruppe ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Bayern
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