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29. Jahrestagung des Arbeitskreises für nordwestdeutsche Hausforschung vom
24. bis 26. März 2017 in Stade zum Thema:
„Historische Hausforschung im Archiv. Archivalische Quellen und die Forschung am Gebäude“
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Bericht: 27. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Aurich 2015
Bericht:
26. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Glückstadt 2014
Bericht: 24. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Clausthal-Zellerfeld 2012
Bericht: 23. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Bad Iburg, März 2011 /
zum Tagungsband >>>
Bericht: 22. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Verden, März 2010

Anmeldung & Übernachtung

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Bericht der 27. Tagung der Regionalgruppe Nordwest vom 13.-15. März 2015 in Aurich
 
„Nah am Wasser, auf schwankendem Grund – Der Bauplatz und sein Haus“
Bericht über die 27. Jahrestagung des Arbeitskreises für ländliche Hausforschung in Nordwest- deutschland am 13. bis 15. März 2015 in Aurich/ Ostfriesland

 
Bauplatz und Baugrund als wesentliche Voraussetzungen für den Bau eines Hauses waren das Thema der 27. Jahrestagung des Arbeitskreises für ländliche Hausforschung in Nordwestdeutschland, die vom 13. bis 15. März 2015 in Aurich/Ostfriesland stattfand. Dieser regionale Arbeitskreis, der sich seit mittlerweile über 25 Jahren jährlich trifft, ist eine Kooperation zwischen der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB) und dem Arbeitskreis für Hausforschung (AHF) und zugleich dessen nordwestdeutsche Regionalgruppe. Dieser Arbeitskreis bietet ein bewährtes Forum für alle an der Hausforschung Interessierten, seien es Hauptamtliche aus Museen, Denkmalpflegeämtern und Planungsbüros oder ehrenamtlich Forschende aus den Reihen der IGB. Als Partner und Gastgeber vor Ort fungierten die Ostfriesische Landschaft und das Museumsdorf Cloppenburg; die vorzügliche Organisation lag in den Händen von Nina Hennig (Aurich) und Michael Schimek (Cloppenburg). Die Tagung begann mit einem informativen Stadtrundgang in Aurich am Nachmittag des 13. März; abends wurden die 118 Teilnehmer von Stefan Haar (Bundesvorsitzender IGB), Uwe Meiners (Museumsdorf Cloppenburg) und Rolf Bärenfänger (Ostfriesische Landeschaft) begrüßt. Letzterer stellte anschließend die Ostfriesische Landschaft vor, die sich in ihrer über 500-jährigen Geschichte von einer spätmittelalterlichen Ständevertretung zum modernen Träger für regionale Kulturarbeit und Wissenschaft entwickelt hat.
Der folgende Samstag (14. März) bot ein gewohnt dicht gepacktes Vortragsprogramm mit 21 regionalen Beiträgen, das der Aufnahmefähigkeit der Zuhörer einiges abverlangte – dennoch gab es anregende Diskussionen. Die Vorträge gliederten sich in die drei Sektionen „Auf schwankendem Grund: Grund und Gründung“, „Bauen am Wasser“ und „Blick nach anderswo“. Mit einer großen Zeitdisziplin auf Seiten der Referierenden (Vortragsdauer: 20 Minuten) und einer straffen Moderation gelang es, das umfangreiche Programm zu bewältigen.  Nina Hennig und Michael Schimek gaben eine komprimierte Einführung in die Tagungsregion Ostfriesland mit ihren Hauptlandschaftsformen Marsch, Moor und Geest und verdeutlichten an Beispielen die im Tagungsthema so poetisch formulierte Fragestellung nach dem Baugrund, aber auch nach naturräumlichen und klimatischen Einflussfaktoren auf den Hausbau. Jan Kegler und Sonja König (Aurich) berichteten aus archäologischer Sicht über die Entwicklung von „Grund und Gründung“ in den Küsten¬gebieten der Nordsee. Hier begann man in den Marschen seit der älteren Eisenzeit mit der Anlage von Wurten (künstlichen Siedlungshügeln, die zum Teil bis heute besiedelt sind) zum Schutz gegen Überflutungen infolge des Meeresspiegelanstiegs. Die Anfänge des heutigen Küstenschutzes mit geschlossenen Deichlinien liegen dagegen im Spätmittelalter und waren von Anfang an eine Gemeinschaftsleistung. Haio Zimmermann (Wilhelmshaven) gab einen Überblick über den Prozess der Ablösung des Pfostenbaus (mit eingegrabenen Pfosten) durch den Ständerbau (auf Fundamenten) – der schon in der Ur- und Frühgeschichte nachweisbar ist, sich überwiegend im Spätmittelalter vollzog, in ländlichen Gebieten aber auch bis weit in die Neuzeit andauern konnte. Seine Berichte zur Standdauer solcher Pfähle in feuchten versus trockenen Untergründen waren ebenso interessant wie seine Angaben zur Einführung des Backsteins (um 1150). Dieser wurde im „Klosterformat“ produziert, um ihn gemeinsam mit dem schon zuvor verwendeten rheinischen Tuffstein verwenden zu können und an dessen
gängiges Format anzupassen.
Detlef Böttcher (Loppersum) berichtete über die zunehmende Fundamentbreiten mittelalterlicher Kirchen; aus wandbreiten Fundamentstreifen wurde breitere Fundamente bei schmaleren Wänden. Nach 1300 wurden die Kirchenbauten kleiner; Setzungen traten vielfach bereits beim Bau auf und wurden beim Mauern ausgeglichen. Nachdem um 1700 die Deichlinien geschlossen waren kam es zur Grundwasserabsenkung und zum Einsturz zahlreicher Kirchengewölbe. Da die Absenkung bis heute andauert, resultieren daraus weiter massive Probleme für die alten Steinbauten. Das weitmaschige Holzgerüst des Gulfhauses interpretierte er angesichts der Gründungsprobleme als „fehlereliminierendes Bauelement“.
Die im 13. Jahrhundert entwickelten Pfahlgründungen unter massiven Steinbauten mit eingerammten sog. Spickpfählen und Schwellenrosten behandelte Bernd Adam (Garbsen). Die „ingenieurmäßige Pfahlgründungen“ war seit dem 16. Jahrhunderts die übliche Konstruktion bei Großbauten im feuchten, wenig tragfähigem Untergrund. Mit eindrucksvollen historischen Abbildungen aus archivalischer Forschung stellte Adam vielfältige Beispiele für diese Gründungen vor.
Gabri van Tussenbroek (Amsterdam) ergänzte das Thema um Beispiele von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Pfahlgründungen aus Amsterdam, wo seit dem 17. Jahrhundert mit beweglich gegründeten sog. Schwimmkellern auf Schwankungen des Grundwasserspiegels reagiert werden konnte. Voraussetzung dafür war, dass aus gemahlenem Tuff und Kalk ein unter Wasser abbindender hydraulischer Mörtel entwickelt worden war. Auch ließ sich das Gewicht der Häuser durch Verwendung von Kiefernholzbalken an Stelle der älteren Eichenholzbalken entscheidend vermindern.
Der Vortrag von Ulrike Looft-Gaude (Freilichtmuseum Kiel-Molfsee) zeigte am Beispiel der Hallighäuser Nordfrieslands die Notwendigkeit der Anpassung an wechselnde Klimaverhältnisse sowie Meeresspiegelanstieg und Küstensenkung (u.a. durch ausgedehnten Salztorfabbau). Diese Häuser wurden trotz ihrer Lage auf der Warft überflutet. Sie stellte den „Katschur“ als Reaktion auf solche Wassereinbrüche dar. Die schmalen Häuser besitzen ein dachtragendes inneres Ständergerüst, extrem schmale Kübbungen und massive Außenwände. Beim Verlust der Außenwände durch Wasserdruck konnte das innere Hausgerüst der Sturmflut noch länger standhalten. Als Mythos der Heimatgeschichte entlarvte Volker Gläntzer (Hannover) dagegen Berichte über das sog. Schwimmdachhaus der ostfriesischen Inseln – ein schwimmfähiges Dach, das sich bei Sturmflut vom Haus lösen und als eine Art Rettungsfloß benutzt werden konnte, ist im Baubefund nicht nachweisbar und technisch kaum denkbar.
Ein Beispiel für einen schwimmenden Speicher zeigte schließlich Berthold Köster (Landesamt für Denkmalpflege in Schleswig-Holstein). Er stellte die 13 verbliebenen, zwischen 1525 und 1630 erbauten Bohlenspeicher Schleswig-Holsteins vor. Im Jahr 1872 habe eine Flutwelle einen dieser Speicher angehoben und landeinwärts transportiert, wobei erstaunlicherweise der neue Standort akzeptiert worden sei und er heute noch dort stehen würde.
Nils Kagel (Freilichtmuseum am Kiekeberg) stellte die Bauentwicklung in den hochwasser-gefährdeten lüneburgischen Elbmarschen dar. Die erste Siedlungswelle benutzte die Uferwälle und einzelne Geestinseln. Wurten sind dagegen im 18. Jahrhundert und davor noch nicht angelegt worden. In einer zweiten Phase wurden die Deichkronen als Hausbauplätze genutzt und schließlich im 19. Jahrhundert doch Wurten angelegt. Eine Besonderheit sind die staatlich vorgeschriebenen Fundamenterhöhungen auf 3,5 m über mittleren Wasserstand, die von spezialisierten Zimmereien mit Hilfe von hölzernen Bauschrauben durchgeführt wurden; ein Satz Bauschrauben bestand aus 30 Stück.
Weitere Beiträge erläuterten regionale Besonderheiten des Bauens im Moor (Hans Turner, Riekenbostel), am Übergang vom Moor zur Geest im Hannoverschen Wendland (Konrad Wiedemann, Waddewitz) oder in den holsteinischen Elbmarschen (Christine Scheer, Wewelsfleth). Wolfgang Riesner (Petershagen) berichtete von Bauschäden eines Hofes von 1802 in Preußisch-Ströhen (Rahden, Kreis Minden-Lübbecke), die durch Torflinsen im Baugrund verursacht waren. Kurz vor Abschluss der aufwendigen Sanierung brannte der vorgestellte Hof 2014 ab und wurde 2015 als größenreduzierte Rekonstruktion wiederaufgebaut.
Einen unerwartet aktuellen Bezug erhielt das Tagungsthema schließlich mit dem Beitrag von Thomas Spohn (Dortmund), der sich kritisch mit Bergschäden im Ruhrgebiet auseinandersetzte. Seit dem Übergang vom Stollenbergbau zum flächigen Tiefbau um 1850 kam es zu großflächigen Geländeabsenkungen, die weite Teile des Ruhrgebietes in ein tiefliegendes „Poldergebiet“ verwandelten, das nur durch den ständigen Betrieb von Pumpwerken an Emscher und Lippe trocken gehalten werden kann (die sog. Ewigkeitslasten des ehemaligen Bergbaus). Auch verursachen die Bergsenkungen bis heute schwere Gebäudeschäden, die immer wieder zu Abrissen führen oder mit großem technischen Aufwand behoben werden müssen.
Vielfältige Ausblicke in benachbarte und entferntere Regionen bereicherten die Tagung um eindrucksvolle Beispiele für das Bauen unter schwierigen topografischen und klimatischen Bedingungen etwa in der wind- und regenreichen Westeifel (Carsten Vorwig, Kommern), im Oberharz (Anja Schmid-Engbrodt, Pulheim) oder im Warthebruch (Josef Pollmann, Arnsberg). Aus Niederösterreich berichtete Veronika Plöckinger-Walenta (Weinviertler Museumsdorf Niedersulz) über den „Weinviertler Hakenhof“, den sie als Sonderform des weit verbreiteten Zwerchhofes bei entsprechend feuchtem Baugrund zu interpretieren vorschlug. Extrem waren die Bau- und Siedlungsverhältnisse in den Alpen, über die Benno Furrer (Schweizerische Bauernhausforschung, Zug) berichtete. Hier musste die Bevölkerung nicht nur Hochwasser, sondern auch Murenabgänge (Schlammlawinen), Schneelawinen oder Felsstürze gewärtigen – Katastrophen, auf die man vorbeugend und mit viel Erfahrungswissen durch eine geschickte Wahl des Bauplatzes an geschützten Stellen und die Anlage von Streusiedlungen reagierte.
Den Abschluss bildete der Vortrag von Hermann Schiefer (Rastede), der uns auf die Exkursion vorbereiten sollte. Sein Thema waren die in dieser typischen „Backsteinregion“ nachweisbaren Reste einer älteren Lehmbauweise und Befunde der Nutzung von hölzernen Brettereinlagen zur Stabilisierung von Ziegelwänden.
Insgesamt zeigte die Tagung, welche anregenden und weiterführenden Perspektiven für die Hausforschung die Fragestellung nach dem Einfluss von Bauplatz und Baugrund auf den historischen (und aktuellen) Hausbau eröffnen kann – insbesondere, wenn man auch topographische und klimatische Faktoren in den Blick nimmt. Damit kann die historische Hausforschung einen wichtigen Beitrag zur Umweltgeschichte leisten – auch und gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um den globalen Klimawandel und seine Folgen.
Eine Busexkursion durch das Rheiderland am Sonntag (15. März) rundete die gelungene Veranstaltung ab. Sie führte am Beispiel dieser Region im Westen Ostfrieslands, die bis heute vom Dollarteinbruch (Landverluste durch Sturmfluten ab 1362) geprägt ist, die besonderen Bedingungen des Bauens und Wohnens in einer unter dem Meeresspiegel gelegenen, von modernen Deichen geschützten und künstlich entwässerten Marschlandschaft vor Augen. Besichtigt wurden zwei mittelalterliche Kirchen und deren dendrochronologisch datierte Dachwerke in Rorichum und Bunde, ein frühes, 1705 datiertes bäuerliches Steinhaus in Jemgumgaste (mit jüngerer Gulfscheune von 1910) und der bekannte Häuptlingssitz in Bunderhee mit seinem spätmittelalterlichen Steinhaus (14. Jh.) als Hauptbau einer früheren Turmburg. Den Abschluss bildete ein Rundgang durch die Kleinstadt Weener mit interessanten Bürgerhäusern des 16. bis 19. Jahrhunderts.
 
Siehe auch:
Bernd Fröhlich: Nah am Wasser, auf schwankendem Grund – Der Bauplatz und sein Haus. Ein Tagungsbericht. In: Der Holznagel 2 (2015), S. 11-27 sowie derselbe, Das Rheiderland. In: ebd., S. 28-37.
 
Wolfgang Dörfler und Heinrich Stiewe

 
 
 
Drei Tage in der Wilster- und Krempermarsch. Ein Bericht von der Tagung der
Regionalgruppe Nordwest in Glückstadt
 
Das 26. Treffen des nordwestdeutschen Arbeitskreises für Hausforschung führte uns am 14. bis 16. März 2014 nach Glückstadt und in die angrenzende Wilster- bzw. Krempermarsch - auf Einladung der Architektin und örtlichen Repräsentantin der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB), Christine Scheer, und von Dr. Wolfgang Rüther, dem Leiter des schleswig-holsteinischen Freilichtmuseums Kiel-Molfsee.  Die Tagungsregion liegt nordwestlich von Hamburg, aber abseits der großen Verkehrsströme und war daher den meisten unserer Teilnehmer unbekannt.
Glückstadt wurde 1617 durch den dänischen König Christian IV. gegründet, der gleichzeitig König von Norwegen und Herzog von Schleswig-Holstein war. Der planmäßig angelegte Ort mit einem breiten Hauptkanal (Fleet) und sternförmig vom zentralen Marktplatz ausgehenden Straßen war eine wichtige Festung und über Jahrzehnte die zweitgrößte Stadt des dänischen Königsreichs, der Hafen sollte Hamburg Konkurrenz machen. Holländische Exulanten (Religionsflüchtlinge) und sephardische Juden aus Portugal kamen in die Stadt und belebten die Wirtschaft, wanderten aber schon bald nach dem Dreißigjährigen Krieg wieder ab. Heute ist Glückstadt eine kleine Landstadt mit großer Vergangenheit und den typischen Problemen der negativen demographischen Wandels in ländlichen Regionen. Die Stadtführung am Freitag begann in drei Gruppen am Marktplatz und endete im Detlefsen-Museum, dem Stadtmuseum, das  im Palais Brockdorff, einem prächtigen Backsteinbau von 1632, residiert. Gegründet 1894 von Sönnich Detlef F. Detlefsen (1833-1911), gehört es zu den frühen Museen Schleswig-Holsteins. Der Schwerpunkt liegt auf einer modern gestalteten stadt- und wirtschaftsgeschichtlichen Präsentation, u.a. zu den früheren Erwerbszweigen Heringsfischerei, Walfang und Robbenschlag. Imponierend ist auch die dort gezeigte „Döns“, eine holzgetäfelte Stube von 1794, die noch 2002 aus einem abgebrochenen Bauernhaus in der benachbarten Störniederung gerettet worden ist. Zum Abschluss des Tages wurden wir im Ratskeller vom Glückstädter Bürgermeister begrüßt und erhielten durc
h Christian Boldt eine Einführung in die Geschichte der Festungsstadt Glückstadt. Bei einem schmackhaften Abendessen und guten Gesprächen klang der Tag aus. Für die vorzügliche Organisation und gute Verpflegung während der Tagung haben wir Christine Scheer, Thomas Spohn und Wolfgang Rüther (mit seinen Mitarbeitern vom Freilichtmuseum Kiel- Molfsee) zu danken.
Tagungslokal für den Sonnabend war die Gastwirtschaft „Poppenhuus“ in der „Engelbrechten Wildnis“ nahe Glückstadt – ein liebevoll restauriertes niederdeutsches Hallenhaus der Kremper-marsch, dessen Spitzname von einer Figur der Göttin Flora am Wohnteilgiebel herrührt. Hier begrüßte Stefan Haar, der Bundesvorsitzende der IGB, die Teilnehmer und erinnerte an unseren kurz zuvor verstorbenen Freund und langjährigen Mitstreiter Knut Hose aus dem Wendland. Anschließend gab Dr. Wolfgang Rüther einen kurzen Überblick zu Landschaften und Bevölkerung in Schleswig-Holstein – insbesondere der Unterschied zwischen den fruchtbaren Schwemmland-böden (Klei) der küstennahen Marschen und der sandigen, weniger günstigen Geest sowie den hügeligen, eiszeitlich geprägten Landschaften Ostholsteins ist hier von Bedeutung. Anschließend trug Christine Scheer das Referat des erkrankten Dr. Klaus Lorenzen-Schmidt zur Siedlungs- und Agrargeschichte der Tagungsregion vor: Die ersten nachmittelalterlichen Siedlungen in der Wilster- und Krempermarsch entstanden in Zusammenarbeit von niederländischen Fachleuten für Entwässerung und Deichschutz mit Siedlern aus der näheren Umgebung. Die Siedlungsstruktur bestand aus 24 ha großen Parzellen mit den Bauernhäusern in der Mitte. Diese Streusiedlungslage ist bis heute in der Landschaft nachvollziehbar. Notwendig war alle fünf Jahre das „Kleien“, d.h. Entschlammen der Entwässerungsgräben, wobei die „Grüppen“ von Hand leer geschöpft und der Aushub mittig auf die „Stücke“ gebracht wurde. Daraus entstand über die Jahrhunderte die typische Wölbung der schmalen Acker- und Wiesenparzellen der Marsch. Zur Bearbeitung der extrem schweren Kleiböden mussten Gespanne von vier oder sogar sechs Pferden den einscharigen Pflug zie¬hen. Mit der sog. zweiten holländischen Einwanderung seit dem späten 16. Jahrhundert kamen Entwässerungsmühlen in die Wilstermarsch, die eine Besiedlung der tiefliegenden Flächen im Innern der Marsch ermöglichten. Durch die stetige Entwässerung senkte sich der torfhaltige Untergrund, so dass hier heute die tiefste Stelle Deutschlands mit 3,5 Meter unter dem Meeresspiegel zu finden ist. Mit den holländischen Einwanderern hielten das „Barghus“ als spezifische Ausbildung des Gulfhauses und die Käseproduktion Einzug in die westelbischen Marschen. Damit begann hier der Einstieg in die exportorientierte Milchverarbeitung früher als in anderen Teilen Norddeutschlands. Wegen der schlechten Qualität des eisenhaltigen Trinkwassers war Bier das Hauptgetränk in den Marschen. Die Bauern suchten aus der Reihe ihrer Söhne selbst den Hoferben aus und in Ermangelung von Söhnen konnten auch Töchter den Hof erben. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden nichterbende Söhne auf höhere Schulen und Universitäten geschickt und ergriffen akademische Berufe.
In ihrem eigenen Referat stellte Christine Scheer die vielfältige und gut erforschte ländliche Bautradition der Tagungsregion vor. Trotz ihrer räumlichen Nähe sind die Krempermarsch im Osten und die Wilstermarsch im Westen Glückstadts zu unterscheiden; dazwischen verläuft die Störniederung. In der Krempermarsch ist das niederdeutsche Hallenhaus, das sogenannte „Husmannshus“, verbreitet. Eines der ältesten Beispiele aus dem Jahre 1597 war etwa eine Woche vor der Tagung abgebrochen worden – nach mehr als 40-jährigen, letztlich vergeblichen Bemühungen um seine Erhaltung. Die Hallenhäuser der rechtselbischen Marschen sind Durchgangsdielenhäuser ohne Kammerfach; Kammern, Stuben und eine Küche liegen am Wohnende im „Vörhus“ (Vorderhaus) beiderseits der Diele. Charakteristisch sind seit¬liche Flügelbauten mit ungeheizten, oft prächtig be¬malten Sommerstuben. Während der in der Regel zum Deich gerichtete Wohnteil einen repräsentativen, mehrfach vorkragenden Steilgiebel aufweist, hat der rückwärtige Wirtschaftsgiebel meistens einen Vollwalm. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts gingen einige Bauern dazu über, massive Backsteingiebel oder zweigeschossige, herrschaftlich anmutende Wohnhäuser zu errichten, deren Obergeschoss mit großen Fenstern mitunter gar keine Wohnnutzung aufwies, sondern nur Lagerraum war. In der Wilstermarsch machten aber auch die reichen Bauern diese Entwicklung nicht mit, sie blieben bis ins 20. Jahrhundert bei den traditionellen Bauernhausformen. Hier sind zwei Haustypen zu unterscheiden: Das niederdeutsche Hallenhaus („Husmannshus“) auf den schon früh besiedelten Uferwällen nahe der Elbe und das Gulfhaus („Barghus“) im tiefer gelegenen Innern der Marsch. Das Gerüst des „Bargs“, des zentralen, erdlastigen Erntestapelraums, besteht aus vier mächtigen Kiefernholzständern mit durchgezapften Ankerbalken und zwei das Hochrähm unterstützenden Zwischenständern. An den Enden des Gerüstes liegen den Rähmen „Bojebalken“ auf, die die Sparren der Walme tragen. Barghüser sind von außen an der außermittigen Einfahrt am Wirtschaftsgiebel zu erkennen. Der Wohnteil, das sogenannte Vörhus,  ist im Gegensatz zum Hallenhaus vom Wirtschaftsteil getrennt und als eingeschossiger Querbau an den breiten, hohen Scheunenteil angefügt. Als Nebengebäude stehen auf vielen Höfen große „Bargscheunen“ neben den Haupthäusern. Für Altenteiler und ärmere Handwerker oder Tagelöhner wurden Reihen von Katen entlang der Deichlinien errichtet; später zogen viele Altenteiler nach Wewelsfleth oder Wilster.
Passend dazu führte eine erste Exkursion nach der Mittagspause zu einem besonders einfühlsam renovierten Husmannshus der Krempermarsch, dem Hof Looft in Gehlensiel (Gemeinde Herzhorn). Die prächtige Hofanlage des 18. Jahrhunderts erregte unsere Bewunderung, besonders die riesige, unausgebaut gebliebene Diele, das original erhaltene Sommerhaus mit einer bunt bemalten Sommerstube und die „Döns“ mit prächtigen eichenen Wandpaneelen, die aus dem kürzlich abgebrochenen Haus von 1597 gerettet worden ist.
Dr. Sigrid Wrobel vom Thünen-Institut der Universität Hamburg berichtete über die „Beschaffung von Bauholz in waldloser Gegend“ aus ihrem reichen Schatz von in Jahrzehnten gewonnenen dendrochronologischen Ergebnissen. Bis etwa 1600 konnten Bauherren und Zimmerleute in den Marschen auf Ei¬chenholz aus der näheren Umgebung zurückgreifen. Danach tritt fast nur noch  Kiefernholz als Bauholz auf. Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass Kiefernholz in weiten Teilen Westeuropas im 17. und 18. Jahrhundert gar nicht vorkam, so in England, Frankreich und den Niederlanden sowie in Schleswig-Holstein und Nordwestdeutschland – hier musste Kiefernbauholz aus östlichen und nördlichen Regionen von Mecklenburg bis Schweden bezogen werden. Dazu passen die an den Hölzern vieler Bauten erkennbaren Floßbohrungen (wie sie etwa Ulrich Klages vielfach beobachtet hat). Ungeklärt blieb allerdings, ob in den Marschen auch „oberländisches Holz“ vom Oberlauf der Elbe verwendet wurde, da die Kurven nach Aussage der Referentin darauf keine Hinweise zeigten.
Die Reihe der Vorträge zum Tagungsthema „Das will ich auch! Mode und Imitation im ländlichen Bauwesen“ eröffneten Dr. Thomas Spohn und Heinz Riepshoff – jeder zu einem für seine Untersuchungsregion spezifischen Gestaltungsmerkmal und dessen Verbreitung. Während Thomas Spohn über Darstellungen von Uhrzifferblättern auf Fachwerkgiebeln des westfälischen Sauerlandes referierte, ging Heinz Riepshoff auf die in Form eines Fischschwanzes gestalteten Knaggen an Fachwerkbauten der Grafschaft Hoya an der mittleren Weser ein.  Die Zifferblätter (ohne funktionierendes Uhrwerk) treten zwischen 1774 und 1793 (mit „Nachläufern“ bis 1821) zusammen mit anderen religiösen Symbolen an Bauernhausgiebeln im katholischen Sauerland auf. Thomas Spohn deutet sie als Zeichen, die an die Vergänglichkeit der irdischen Existenz des Menschen mahnen.  In einem interessanten theoretischen Exkurs behandelte Spohn die Begriffe Wandel, Mode, Imitation und Tradition und diskutierte das Problem von Freiwilligkeit oder damit verbundenem gesellschaftlichem Zwang. Heinz Riepshoff widerlegte gängige Erklärungsversuche für das Phänomen der Fischschwänze, die zwischen 1604 und 1621 an Fachwerkbauten der Grafschaft Hoya vorkommen – weder die Zugehörigkeit zu den „Siebenmeierhöfen“ des Klosters Bücken noch angenommene Fischereirechte des Erbauers spielten dabei eine Rolle. Abgesehen von ihrer offensichtlichen Verbreitung durch Nachahmung konnte er keine Erklärung für diese vermutlich von einem begabten Schnitzer gefertigten Renaissanceverzierungen anbieten.
Wolfgang Riesner stellte anschließend ein kleines Vierständer-Hallenhaus aus dem Mindener Land von 1875 vor, das zeitgemäße Schmuckformen und funktionale Neuerungen aufweist und offensichtlich als Vorbild für einen größeren Bauernhausneubau von 1882 des gleichen Zimmermeisters auf einem Nachbarhof diente – hier lassen verwandtschaftliche Beziehungen zwischen den Erbauern auf eine unmittelbare Nachahmung schließen. Josef Pollmann aus Arnsberg führte mit seinem Referat in das Exkursionsgebiet der vorigen Tagung, in die Soester Börde in Westfalen. Er zeigte mehrere landschaftstypische Wohn- und Wirtschaftsgebäude des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aus dem dort vorkommenden Grünsandstein, die auffällige Lüftungsöffnungen aus Backsteinen aufweisen, die an Einfluglöcher von Taubenschlägen erinnern. Auch stellte er einen örtlichen Bauunternehmer vor, der mehrere dieser Gebäude errichtete. Der Restaurator Konrad Wiedemann präsentierte mehrere Umbauten von Vierständer-Hallenhäusern im niederen Drawehn (Hannoversches Wendland), die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in typischen Formen des Historismus und Jugendstils ausgeführt wurden. Einige Beispiele zeigen das zeittypische Bemühen, die Gebäude im Sinne des Heimatstils in „landschaftsgebundenen“ Bauformen (Fachwerk, Eingangsloggia anstelle des Dielentores, Pferdeköpfe) umzugestalten. Außerdem zeigte er interessante Beispiele für dekorative Innenraumgestaltungen dieser Zeit mit farbigen Schablonenmalereien und Tapeten.
Prof. Dr. Christine Aka, Volkskundlerin aus Münster, berichtete über Ergebnisse eines Forschungs- und Ausstellungsprojektes am Museumsdorf Cloppenburg: Sie hat die repräsentative Kultur der „bäuerlichen Elite“, also der wohlhabenden Bauern in der Wesermarsch (westlich der Weser, nördlich von Bremen) anhand von überlieferten Sachgütern, Häusern und einer ausgeprägten Friedhofskultur untersucht. Auf den Friedhöfen der Wesermarsch finden sich mächtige Erbbegräbnisse, sog. Grabkeller dieser bäuerlichen Familien aus Obernkirchener Sandstein, die mit adligen Gruftanlagen anderer Regionen vergleichbar sind. Aka beobachtet für diese bäuerliche Oberschicht, die in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges durch „Fettviehhandel“ zu großem Reichtum gekommen ist, Investitionen in Hausbau und „Repräsentationskultur“, zu deren „must haves“ auch solche Grabanlagen mit spezifisch protestantischen (lutherischen) Ausdrucksformen gehörten. Ähnlich aufwendig gestaltete Grabstelen von Marschbauern konnten wir am folgenden Tag auf dem Friedhof in Wewelsfleth besichtigen.
Einen anregenden Versuch einer „gegenwartsbezogenen Hausforschung“ unternahm Dr. Michael Schimek (Museumsdorf Cloppenburg), der sich mit „neo-historistischen Tendenzen“ im heutigen Bauen beschäftigte. Seit den 1980er Jahren sei im ländlichen Eigenheimbau eine „retrospektive Bauauffassung“ zu beobachten, eine Wiederaufnahme von traditionellen oder historistischen Elementen wie Sprossenfenstern, Krüppelwalmen, Zwerchgiebeln mit Freigespärren, Ziegelornamenten oder auch Fachwerk, wie sie mittlerweile auch von Fertighausherstellern angeboten werden. Anders als die historische Hausforschung braucht Schimek dabei über die Motivationen von Bauherren nicht zu spekulieren, sondern kann diese selbst befragen. Er führte mehrere Interviews mit den Erbauern von nachgebauten Fehnhäusern im Oldenburger Land, die sich besonders eng an den überlieferten Bautypen von Fehnsiedlungen des späten 19. Jahrhunderts (kleine Gulfhäuser mit historistischer Backsteindekoration) orientierten, dabei spielte die Identifikation mit der Geschichte der eigenen Vorfahren in der Fehnsiedlung eine große Rolle. Schimek beabsichtigt, diese Befragungen bei anderen Bauherren von Häusern mit Backsteinornamenten und farbig glasierten Dachziegeln oder von Neubauten im „Toskana-“ oder „Hacienda-Stil“ fortzusetzen, um den Ursachen und Motivatonen für diesen auffälligen „Neo-Historismus“ weiter auf die Spur zu kommen.
Abschließend sprach Dr. Wolfgang Dörfler über ein anderes Phänomen „retrospektiven Bauens“, nämlich den Wiederaufbau oder Nachbau von traditionellen Fachwerkgebäuden in norddeutschen Dörfern für eine gemeinschaftliche Nutzung – eine mittlerweile weit verbreitete Bewegung in Norddeutschland, an der er in seinem Heimatort Hesedorf (bei Gyhum, Landkreis Ro¬tenburg) selbst beteiligt war. Von der Translozierung von großen niederdeutschen Hallenhäusern und ihrer Neunutzung als Heimat- oder Dorfgemeinschaftshäuser über den Wiederauf- oder Neubau von einzelnen Schafställen oder Backhäusern bis zu „kleinen Häuserzoos“ reicht das Spektrum dieser von Vereinen getragenen Bauaktivitäten in zahlreichen Dörfern. Dabei steht oft die Freude an gemeinschaftlichen, handwerklichen Aktivitäten und am vermeintlich Traditionellen im Vordergrund, während denkmalpflegerische Ambitionen nur in Einzelfällen eine Rolle spielen.
Zum Abschluss des Tages wurde noch lebhaft über zukünftige Tagungsthemen und -orte diskutiert, es gab sogar mehrere Vorschläge: Wolfgang Dörfler regte an, in Erweiterung seines Vortragsthemas über „alte Museumsdörfer und -häuser“ zu sprechen. Dietrich Maschmeyer schlug eine Tagung über „Historische Fenster“ vor mit dem Ziel, eine handbuchartige Publikation mit möglichst vielen regionalen Beiträgen zu diesem  Thema zusammenzustellen. Am Ende setzte sich der Vorschlag von Nina Hennig durch, eine Tagung zum Thema „Bauen auf schwankendem Grund – Moor und Heide und andere Grenzstandorte“ durchzuführen, da sie mit der Ostfriesischen Landschaft bereits einen konkreten Kooperationspartner anbieten konnte.
Als Termin wurde inzwischen der 13. bis 15. März 2015, als Tagungsort Aurich (Ostfriesland) ins Auge gefasst.
 
Exkursion in die Kremper- und Wilstermarsch

Am Sonntag, 16. März folgte die übliche Busexkursion in die Tagungsregion, die einen eindrucksvollen, von Christine Scheer sorgfältig vorbereiteten Überblick über die ländliche Baukultur der Kremper- und Wilstermarsch bot. Zunächst wurde der Hof Lutte in Dammfleth, Hochfeld 7, besucht, ein früherer Milchwirtschaftshof mit einem typischen Barghus der inneren Wilstermarsch und zwei Nebengebäuden. Das 340 qm große Barghus mit Kiefernholz-Innengerüst wurde nach 1737 (d) wohl zwischen 1745 und 1772 errichtet; der eingeschossige, quer angebaute Wohnteil wurde 1878 erneuert. 1992 erwarben die heutigen Eigentümer den Resthof und restaurierten ihn behutsam – bei extensiver Nutzung des Wirtschaftsteiles mit dem tragenden Gulfgerüst.
Auf dem Hof Lübbe in Stördorf 12 konnte der immer noch eindrucksvolle Torso eines frühen Husmannshuses (Hallenhauses) mit Ankerbalkenzimmerung von 1569 (d) besichtigt werden. Der Wirtschaftsteil des Gebäudes war schon zum größten Teil abgebrochen, als der Eigentümer 1986 von einer Erhaltung überzeugt werden konnte. Erhalten blieben drei Restgebinde des alten Hallenhauses, die heute durch eine große Glaswand abgeschlossen werden, und der spätklassizistisch umgebaute, zweigeschossige Wohnteil. Außerdem steht auf dem Hof eine frühe Bargscheune von 1605 (d), die unter Erhaltung des historischen Innengerüstes zu einem großzügigen, modernen Wohnhaus umgestaltet worden ist. Bei einsetzendem Nieselregen wurde bei Honigfleth eine translozierte und restaurierte Wasserschöpfmühle mit Förderschnecke (archimedischer Schraube), eine der letzten der Wilstermarsch, in langsamer Vorbeifahrt besichtigt.
Es folgte ein Rundgang durch die Kleinstadt Wilster, den Hauptort der Wilstermarsch. Zunächst wurde die ev.- luth. Bartholomäuskirche besichtigt, ein eindrucksvoller spätbarocker Emporensaal aus Backstein mit großen, parabelförmigen Bogenfenstern und älterem Westturm. Erbaut wurde die Kirche 1775-81 nach Plänen von Ernst Georg Sonnin, dem Architekten der Hamburger Michaeliskirche und ihres Turmes, des „Hamburger Michels“. Es folgte das Alte Rathaus, ein reicher Renaissance-Fachwerkbau auf einem hohen Backsteinunterbau von 1585, der 1912-19 von Albrecht Haupt (Hannover) restauriert wurde (weitere Sanierungen: 1985-96, 2007-12). Der Bau enthält interessante museale Sammlungen, eine historische Bibliothek und eine translozierte Wilstermarsch-Stube; ein Naturkundemuseum befindet sich im zugehörigen Speicher. Das „Neue Rathaus“ (Doo-se'sches Palais) wurde 1785 von dem Kanzleirat Doose als großbürgerlicher Beamtensitz erbaut und 1828 von seiner Witwe der Stadt Wilster vermacht. Der spätbarock-klassizistische Backsteinbau (Fassade 1936 rekonstruiert) mit reicher Innenausstattung und teilweise erhaltener Gartenanlage dient heute als Stadtbibliothek und -archiv.
Nachdenklich machte uns ein frisch geschredderter Backsteinhaufen auf einer Warft, an dem wir am Ortsausgang von Wilster vorbeifuhren - nach Aussage von Christine Scheer die letzten Überreste eines soeben abgerissenen Fachhallenhauses mit einer sehr schönen Vorderfront aus dem 19. Jahrhundert. Auch sonst waren während der Rundfahrt immer wieder leerstehende Bauernhäuser oder Scheunen mit löcherigen Reetdächern und Anzeichen fortschreitenden Verfalls zu beobachten – die Gefährdung der ländlichen Baukultur durch den Strukturwandel der Landwirtschaft und demographische Veränderungen wurde erschreckend deutlich.
Den Abschluss der Exkursion bildete ein Rundgang durch Wewelsfleth. Der Ort war nach 1500 wegen wiederholter Überflutungen vom Elbufer an seinen jetzigen Standort am Fluss Stör verlegt worden. Die Häuser an der Dorfstraße und Deichreihe stehen direkt auf dem Stördeich, bei Hochwassergefahr konnten Holzbohlen in Nuten zwischen den Hausfassaden eingeschoben werden. Die ev. Trinitatiskirche wurde 1503 als schlichter Backstein-Saalbau erbaut, das südliche Querhaus 1598 angefügt. Der freistehende hölzerne Glockenturm mit Schweifhaube stammt von 1817. Vor der Kirche stehen einige imposante Grabstelen von Marschbauern aus dem 17. und 18. Jahrhundert; andere Grabdenkmäler erinnern an örtliche Schiffbauerfamilien; die Schiffbautradition besteht bis heute. Das benachbarte Haus Dorfstraße 3 wurde ausgiebig besichtigt. Der langgestreckte Fachwerkbau mit Brettergiebeln stammt in seinem hinteren Teil von 1590 (d) und wurde 1698 (d) durch den Kirchspielvogt Peter Hellmann erweitert. Große Teile der alten Ausstattung blieben erhalten und wurden behutsam restauriert: ein Saal mit Spätrenaissance-Kamin und glasierten Fußbodenfliesen im Obergeschoss, Stube und Kammer im Erdgeschoss mit hölzernen Paneelen und Wandfliesen sowie ein Kolonialwarenladen von 1830 an der Diele, der noch bis 1965 in Betrieb war. 1970 kaufte der Schriftsteller Günther Grass das Haus und rettete es vor dem Abriss. Er bewohnte es bis 1984, hier entstanden u.a. die Romane „Der Butt“ und „Kopfgeburten“. Anschließend schenkte er das Haus der Alfred-Döblin-Stiftung (Berlin), die es als Wohnung für Literatur-Stipendiaten nutzt.
Zum Abschluss wurde südlich der Kirche ein früherer Speicher des späten 16. oder frühen 17. Jahrhunderts von außen besichtigt, der später zum Wohnhaus umgenutzt worden ist. Gegen 17 Uhr endete die Exkursion am Kirchplatz in Wewelsfleth und mit nachhaltigen Eindrücken aus einer reichen Kulturlandschaft an der unteren Elbe traten die Teilnehmer den Heimweg an.
Wolfgang Dörfler und Heinrich Stiewe
 
 
 
 
Historischer Wetter- und Brandschutz am Fachwerkbau.
Bericht über die 24. Tagung des Arbeitskreises für ländliche Hausforschung in Nordwestdeutschland vom 20. bis 22. April 2012 in Clausthal-Zellerfeld (Oberharz)
 
Noch im April war das Wetter im Oberharz so kalt, dass den 82 Teilnehmern der 24. Tagung der Regionalgruppe Nordwest "Wärmedämmung und Wetterschutz" als Tagungsthema absolut nachvollziehbar erscheinen mussten - ganz unabhängig von aktuellen Bezügen. Vielfältige Formen von Dach- und Wandverkleidungen aus Holzschindeln oder Schiefer und der "Harzer Hausbeschlag", eine seit Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitete Verkleidung aus horizontalen Holzbohlen, die oft quaderimitierende Nuten aufweisen, prägen bis heute die Ortsbilder im Oberharz. Historische Brandschutzmaßnahmen, oft ebenfalls in Form von Verkleidungen und Dachdeckungen, bildeten eine sinnvolle Ergänzung des Tagungsthemas.
 
Die Tagung begann am Freitag, 20. April, um 16 Uhr mit einer Besichtigung der früheren Bergstadt (gemeint ist: Bergbaustadt) Clausthal mit historischen Bauten seiner Technischen Universität, die aus der alten, 1775 gegründeten Berg(bau)akademie hervorgegangen ist. Das Stadtbild wird bis heute von holzverkleideten Traufenhäusern der Bergbeamten und Bergleute geprägt; zwei Beispiele (Klepperberg 4, 1845 und Sägemüllerstraße 29, nach 1725, aufgestockt um 1850 und um 1900) konnten wir besichtigen - in Begleitung von Restaurator
Bernd Gisevius und Hans-Günther Griep aus Goslar, dem "Altmeister" der Oberharzer Hausforschung. Markante Großbauten im Zentrum von Clausthal sind die in den letzten Jahren aufwändig restaurierte Marktkirche zum Heiligen Geist (1634-42), die größte Holzkirche Deutschlands, und das barocke Amtshaus, erbaut 1725-31 von Architekt Reetz (Hannover). Der große, dreiflügelige Bau erhielt 1730 erstmals "englische" Schiebefenster, die sich in der folgenden Zeit im Oberharz verbreiteten. Bernd Adam berichtete über die zeitgenössichen Diskussionen um den Bau dieses Gebäudes (s. unten).
Abends trafen sich alle Teilnehmer im „Glück-Auf-Saal“ in Clausthal (An der Marktkirche 7) zum gemeinsamen Essen. Hier begrüßte uns Wolfgang Mönkemeyer, der Bürgermeister der Stadt Clausthal-Zellerfeld, die erst 1924 durch den Zusammenschluss der beiden Bergstädte Clausthal und Zellerfeld entstanden ist. Der Glück- Auf-Saal ist 1890 als großer Emporensaal einer Gaststätte in Formen des Historismus und frühen Jugendstils erbaut und nach langem Leerstand 1995 restauriert worden. Nach dem Essen wurden die Teilnehmer mit zwei Abendvorträgen in Tagungsort und -region eingeführt: Der Restaurator
Bernd Gisevius gab einen Überblick zur Baugeschichte der Bergstädte Clausthal und Zellerfeld und der Leiter des Bergarchivs Clausthal, Wolfgang Lampe, informierte über "Das Zellerfelder Bergarchiv als Quelle zur Fragen der Haus- und Bauforschung".
 
Ungewöhnlich war der Tagungsort am Sonnabend: Für unseren Vortragstag standen uns die modernen Räume der Firma Sympatec - System-Partikel-Technik GmbH zur Verfügung. Das Unternehmen ist weltweit führend in der Entwicklung und Produktion von Geräten zur Partikeltechnologie (Pulveranalyse), wie sie u.a. in der Pharma- , Farben- und Metallindustrie gebraucht werden. Geschäftsführer Dr. Stephan Röthele begrüßte die Teilnehmer und erläuterte einige Produkte seines Unternehmens, die in enger Kooperation mit der TU Clausthal-Zellerfeld entwickelt werden. Das moderne Forschungs- und Fabrikationsgebäude, das so genannte Pulverhaus, wurde 2004 nach umfangreicher Altlastensanierung auf dem Gelände der früheren Gruben Caroline und Dorothea, der ehemals reichsten Erzbergwerke im Oberharz, errichtet. Ein historisches Pulverhäuschen, zwei "Lochsteine" (Grenzsteine zwischen den Grubenfeldern Caroline und Dorothea) von 1710 und 1715, ein Feuerlöschteich und das benachbarte Zechenhaus aus dem 18. Jahrhundert sind erhalten und verbinden so die Oberharzer Bergbautradition mit moderner Hochtechnologie. Die Firma Sympatec hatte die Tagungsräume kostenlos zur Verfügung gestellt, wofür wir ihr zu Dank verpflichtet sind.
 
Die 14 Vorträge des Tagungstages forderten wieder einmal ein erhebliches Durchhaltevermögen der Teilnehmer. Einleitend referierte
Anja Schmid-Engbrodt, die auch für die ausgezeichnete Tagungsorganisation verantwortlich war, über "Beschläge und Behänge an Fassaden im Oberharz" - ein Thema, über das sie seit vielen Jahren geforscht und publiziert hat. Die Fachwerkhäuser des Oberharzes wurden bis ins 18. Jahrhundert mit Kanthölzern "ausgeblockt", später vor allem mit Lehm-, Ziegel-, Grauwacke- oder Schlackesteinen ausgemauert, was einen Fassadenbehang zum Schutz vor dem rauen Gebirgsklima mit intensiven Regen- und Schneefällen erforderlich machte. Für 1749 sind „gemischte Dächer“ belegt, mit Ziegeldeckung auf der Straßenseite und Holzschindeln zum Hof. Viele Gebäude waren mit Sollingdachsteinen gedeckt, die beim Export von Bergbauprodukten als Rückfracht von der Weser mitgebracht wurden. Interessant war auch der Nachweis des häufigen Vorkommens von alten Unterdächern aus zwei bis drei Lagen Nutschindeln unter Pfannendächern.
Thomas Spohn hielt sich mit seinem Vortrag zu Wandverkleidungen im südlichen Westfalen (Sauer-, Sieger- und Wittgensteiner Land) eng an das vorgegebene Thema. In der traditionellen Architektur dieser südwestfälischen Mittelgebirge beobachtete er an älteren Gebäuden vor allem Bekleidungen mit "weichen" Materialien von Stroh und Ginster über Holzschindeln und Verbretterungen bis zu Lehmschindeln. Oft beschränkten sich Verkleidungen auf Wetterseiten oder die äußeren Erdgeschossbrüstungen von Fachwerkbauten. Erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde das allseitige "Einpacken" der Gebäude mit Holzbeschlag in "Nachahmung des Harzes", Schiefer oder geprägten Blechplatten obligatorisch. Das legt die Annahme nahe, dass ein verbessertes Wohnklima ein wichtigerer Grund zur Anbringung der Verkleidungen war als der Schutz der Baukonstruktion - eine interessante Analogie zur heutigen "Wärmedämmungseuphorie". Interessante Details waren die um 45° zur Firstlinie gedrehten Schornsteinköpfe der Häuser und das verbreitete Vorkommen von feuerschützenden Fußbodenaufbauten aus Lehmestrich oder Lehmsteinen im Obergeschoss, das „Ollern“ genannt wurde.
Bernd Adam berichtete in einem thematisch wie regional sehr treffsicheren Vortrag von der "Suche nach wetterbeständigen Baumaterialien und Konstruktionen" und den daraus folgenden "Abwägungen bei der Errichtung des Oberbergamtshauses in Clausthal 1725-1731". Bei ausgezeichneter Schriftquellenlage zu dem nach dem Stadtbrand von 1725 neu errichteten Amtshaus ließ er uns an den spannenden Diskussionen des frühen 18. Jahrhunderts teilhaben. Auf den alten Fundamenten des Vorgängerbaus wurde unter Wiederverwendung der massiven Seitenflügel (EG) ein schlossartiges Gebäude geplant. Da bekannt war, dass im feuchten und frostigen Klima des Oberharzes Ziegel wegen schneller Abplatzungen ungeeignet waren, wurde der Fachwerkbau mit „Duckstein“ ausgefacht, einem natürlichen Kalk-Tuffstein, der unter Lufteinfluss nachhärtet. Der Putz erfolgte mit Zusatz von „Hammerschlag“ genannten Eisenplättchen. Spannend waren die Diskussionen um das Dachmaterial: Man entschied sich für Sollingsteine von der Weser, weil sie im Gegensatz zu Schiefer kein eigenes hölzernes Unterdach benötigten und damit billiger waren. Später wurden die Sollingplatten durch Falzziegel ersetzt und seit der letzten Renovierung ist der Bau mit Schiefer gedeckt. Die erste Wandverkleidung wurde an den Wetterseiten 1731 in Schiefer ausgeführt. 1843/44 wurden die Schaufassaden durch den "Harzer Hausbeschlag", die bis heute erhaltene Außenverbretterung mit Quadermuster ersetzt, die bei der  Fassadensanierung Anfang der 1990er Jahre nach Befund ockergelb gefasst wurde.
Über die langjährigen Renovierungsarbeiten an der größten Holzkirche Deutschlands, der Markt-kirche in Clausthal, informierte uns
Bernd Gisevius. Die technischen Probleme in dem großen Dach ergaben sich u.a. aus den dort verbauten drei unterschiedlichen Dachstühlen, dem Klima (mit großen Schneelasten), der Übertragung der Glockenschwingungen aus dem Turm und dem 1982 aufgebrachten untauglichen Bleidach, das schon 2005 komplett erneuert werden musste. 2007 wurde der komplette Turm abgetragen und neu errichtet.
Der Archäologe
W. Haio Zimmermann gab einen umfassenden Überblick zu "Wandverkleidungen mit Reith und Stroh von der Urgeschichte bis zur frühen Neuzeit". Neben seltenen archäologische Befunden zu Wandverkleidungen aus Stroh und Schilf an prähistorischen Häusern berichtete er über Schilfzäune zur Grundstückseinfriedung, Schilfbehänge an Lehmwänden oder Schilfmatten zum „Besticken“ der Deichfüße, die möglicherweise nur im Winter aufgebracht wurden. Strohmatten wurden auch als provisorische Wetterschutz- Abdeckung von Kalk- und Feldbrandöfen verwendet. Zimmermann illustrierte seine Befunde mit zahlreichen eindrucksvollen Abbildungsbelegen aus Gemälden vor allem niederländischer und flämischer Maler des 16. und 17. Jahrhunderts.
Der Hausforscher, Fachwerkrestaurator und Architekt
Hans-Joachim Turner erläuterte am Beispiel eines Treppenspeichers von 1531(d) aus Fallingbostel die in der Lüneburger Heide vorkommende Ständerbohlenbauweise. Dabei handelt es sich um eine reine Holzbauweise aus Fachwerk, das mit eingenuteten, etwa 3 cm dicken Holzbohlen bzw. -brettern verschlossen ist. In dem frühen Beispiel von 1531 sind die Bohlen mit „Keilnuten“ (dreieckigen, mit dem Beil eingearbeiteten Nuten) und entsprechend zugespitzten Federn untereinander und mit dem tragenden Fachwerkgerüst verbunden. Nuten in den Giebelständern bildeten einen dichten Anschluss der Bohlen und eine spitz zulaufende Mittelbohle diente zum Verkeilen der Holzwände. Turner ordnete diese riegellose Bauweise mit weiten Ständerabständen noch der mittelalterlichen Stabbauweise zu.  
Nach der Mittagspause diskutierte der Bauforscher
Frank Högg am Beispiel von ihm untersuchter spätmittelalterlicher Bohlenstuben aus Nordhausen und dem Ostharz die Frage, inwieweit bei ihrer Anlage Wärmedämmung eine Rolle spielte. Sicherlich bedeuteten diese hölzernen, mit einem Kachelofen beheizbaren Stubeneinbauten in Stein- und Fachwerkhäusern eine gewisse Behaglichkeit, doch entsprechen sie keineswegs heutigen Anforderungen an eine Wärmedämmung - bei Sanierungen muss hier in denkmalverträglicher Weise nachgebessert werden. Anschließend stellte Ulrich Reiff (Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal-Zellerfeld) an einem praktischen Beispiel aus Clausthal-Zellerfeld die Erhaltung einer historischen Aufputzmalerei bei der aktuellen energetischen Sanierung eines Gebäudes mit "Harzer Holzbeschlag" aus dem 19. Jahrhundert vor. In einem weiteren, auf die heutige Umbau- und Sanierungspraxis bezogenen Praxisreferat stellte der Architekt Stefan Haar "Bauphysikalische Aspekte der Wärmedämmung am Fachwerkbau" vor und diskutierte insbesondere die Vor- und Nachteile von Außen- und Innendämmung an historischen Fachwerkbauten.
Die letzte Sektion der Tagung nach der Kaffeepause widmete sich dem Thema "historischer Brandschutz".
Josef G. Pollmann stellte mit dem Haus Falke aus Arnsberg im Sauerland ein altes, möglicherweise spätmittelaterliches Gebäude vor, das 1847 einem Stadtbrand zum Opfer fiel und schon 1808 in einem Gutachten eines hessischen Regierungsbeamten als höchst brandgefährlich eingestuft worden war.
Mit dem Sinn oder Unsinn von Blitzschutzanlagen hatte
Wolfgang Dörfler eine Frage aufgegriffen, die ihn als Besitzer eines reetgedeckten Bauernhauses seit langem bewegte. Er begann mit einem Rückblick auf die Entdeckung der elektrischen Natur von Blitzen und der blitzableitenden Wirkung von geerdeten langen Eisenstangen, u.a. durch Benjamin Franklin. Weiter referierte Dörfler die überschwängliche Empfehlung von Blitzableitern in der Bauliteratur des 19. Jahrhunderts und relativierte diese kritisch anhand von zeitgenössischen Versicherungsstatistiken. So kam er zu dem Ergebnis, dass Blitzableiter zwar für Kirchtürme und andere hohe Gebäude von großem Nutzen seien - während er anhand von zahlreichen Statistiken bei normalen ländlichen Gebäuden nur eine geringe Blitzschlaggefährdung und damit die ökonomische Unsinnigkeit solcher Anlagen wahrscheinlich machen konnte. So entschied er für sich, sein eigenes Haus nicht mit einem Blitzableiter zu versehen.
Die letzten drei Vorträge der Sektion "Brandschutz" wandten sich nochmals der Tagungsregion Oberharz zu:
Friedrich Balck berichtete über Wasserversorgung und Feuerschutz in Clausthal und Zellerfeld. Aufgrund der Lage der Erzgänge waren die beiden Bergstädte auf einer eher siedlungsfeindlichen Hochfläche ohne natürliche Fließgewässer angelegt worden. Das benötigte Wasser zum Antrieb von Förderanlagen und Pumpen, zur Versorgung der Bevölkerung und nicht zuletzt zum Feuerschutz musste als Niederschlagswasser aufgefangen und durch ein kunstvoll angelegtes System von Gräben, Leitungen und Teichen herangeschafft werden. Diese heute noch erhaltenen Anlagen werden als "Oberharzer Wasserwirtschaft" bezeichnet; sie sind seit 1978 als technische Denkmäler eingetragen und wurden 2010 ergänzend zum Bergwerk Rammelsberg und der Altstadt Goslar in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Johannes Laufer berichtete über die zahlreichen Stadtbrände im Oberharz (z.B. in Clausthal 1634, 1725, 1844 und 1854) und ihre Auswirkungen auf den Hausbau. So wurden von den Behörden im 19. Jahrhundert statt der traditionellen Holzschindeldächer feuersichere Ziegeldächer vorgeschrieben, die sich aber viele Hausbesitzer, die zumeist Bergleute waren, nicht leisten konnten. Diesen Brandschutzvorschriften im Oberharz widmete sich auch der letzte Vortrag von
Helge Th. Frank unter der bis heute aktuellen Fragestellung "obrigkeitliche Gängelung oder werteerhaltender Segen?" Anhand von Akten aus dem Archiv der Samtgemeinde Oberharz diskutierte der Historiker das "spannungsgeladene Verhältnis  zwischen Einwohnern bzw. Hausbesitzern (und) städtischer und staatlicher Obrigkeit".
 
Das Exkursionsprogramm vom Sonntag (22. April) führte uns zunächst zu Fuß durch den Ortsteil Zellerfeld mit eindrucksvollen Häusern des 17. bis 19. Jahrhunderts. Die Stadt war nach einem Stadtbrand 1672 auf einem regelmäßigen barocken Rastergrundriss wiederaufgebaut worden. Hervorzuheben sind das 1673 vom Oberbergmeister Daniel Flach erbaute "Dietzelhaus" (Bergstr. 31, heute Fremdenverkehrsbüro) und die zeitgleich errichtete "Bergapotheke" (Bornhardtstr. 12), die bis heute als Apotheke genutzt wird. Die beiden stattlichen Fachwerkbauten mit barocker Knorpelstildekoration wurden teilweise bereits im 17. Jh. und später vollständig mit senkrechtem Holzbeschlag verkleidet. Sichtbar blieben das prächtige Portal des Dietzelhauses mit einer Dekoration aus Mineralien und geschnitzte "Fratzen" auf den Balkenköpfen der Apotheke. Beeindruckend ist die erhaltene Innenausstattung der beiden Gebäude: Stuckbalkendecken mit allegorischen Figuren, bemalte Türen und Tapetenreste sowie die originale, bis heute genutzte Apothekeneinrichtung des 18. Jahrhunderts. In zwei benachbarten Bürgerhäusern befindet sich das Oberharzer Bergbaumuseum, das mit Modellen von historischen Förderanlagen, Originalexponaten und translozierten bzw. nachgebauten Schachtanlagen auf dem Rückgrundstück die gut 1000-jährige Geschichte des Oberharzer Bergbaus dokumentiert.
Nach der Mittagspause führte eine Busexkursion in die Bergstadt Sankt Andreasberg mit gut erhaltenen Häusern des 17. bis 19. Jahrhunderts. Abschließender Höhepunkt war der Besuch des Bergwerksmuseums "Grube Samson" mit der letzten erhaltenen hölzernen "Fahrkunst" von 1837, die von einem riesigen Wasserrad angetrieben wird, und ein vom Geologen
Wilfried Ließmann geführter Stadtrundgang, der am hochgelegenen Glockenhaus (17. Jh.) bei Starkregen endete.
 
Die Tagung gab einen spannenden Überblick zu vielfältigen, bis heute aktuellen Fragen des historischen Brand- und Wetterschutzes bei Fachwerkbauten - und zeigte zugleich die eindrucksvolle, vom Bergbau geprägte Geschichte des Oberharzes. Über landesgeschichtliche Hintergründe,  Vortragsprogramm und Exkursionsobjekte informierte ausführlich ein 23-seitiges Begleitheft, das Anja Schmid-Engbrodt gemeinsam mit Bernd Gisevius und Wilfried Ließmann für die Teilnehmer zusammengestellt hatte - und überhaupt ist ihr ein großes Kompliment zu machen für die umsichtige und liebevolle Organisation dieser gelungenen Tagung.
 
Wolfgang Dörfler und Heinrich Stiewe
 
 
 
 
 
Adliges und bürgerliches Wohnen auf dem Lande.
Bericht der 23. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Bad Iburg, 25.-27. März 2011
 
Der Landkreis Osnabrück mit einer großen Zahl gut erhaltener ländlicher Adelssitze erwies sich als ideale Tagungsregion des 23. Treffens des Arbeitskreises für ländliche Hausforschung in Nordwestdeutschland, das vom 25. bis 27. März 2011 unter dem Thema "Bauen und Bauten des niederen Adels in Nordwestdeutschland" in Bad Iburg stattfand. Als gemeinsame Veranstaltung des Arbeitskreises für Hausforschung (AHF) und der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB) hat das nordwestdeutsche Hausforschertreffen bereits eine über 20 -jährige Tradition; in diesem Jahr fand es in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) und der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Osnabrück statt. Mit knapp 100 interessierten Teilnehmer/innen aus Denkmalpflege, Museen, freiberuflicher und ehrenamtlicher Bauforschung war die Tagung sehr gut besucht, die von Volker Gläntzer (NLD) und Elisabeth Sieve (Landkreis Osnabrück, Untere Denkmalschutzbehörde) vorbereitet worden war. Nach einer Führung durch die ehemalige fürstbischöfliche Residenz Schloss Iburg begrüßten Landrat Manfred Hugo (Landkreis Osnabrück) und Bürgermeister Drago Jurak (Bad Iburg) die Tagungsteilnehmer im restaurierten barocken Rittersaal der Burg. In einem öffentlichen Abendvortrag erörterte Dr. Stefan Winghart, Präsident des NLD, die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Denkmalpflege, die aber dennoch eine wichtige kulturpolitische Aufgabe bleibe, aus der sich die öffentliche Hand nicht zurückziehen dürfe.
Das Vortragsprogramm am Samstag, 26. März, war mit insgesamt 22 Beiträgen dicht gepackt, bot aber dank der vorbildlichen Zeitdisziplin der Referenten einen facettenreichen Überblick zum adligen (und bürgerlichen) Bauen und Wohnen auf dem Lande. Zugleich unterstrichen die Vorträge die Bedeutung der Bau- und Hausforschung als wissenschaftliche Grundlage der Denkmalpflege. Nicolas Rügge (Staatsarchiv Osnabrück) eröffnete den Vortragstag mit einer konzisen Einführung zu den historischen Rahmenbedingungen des ritterschaftlichen Adels im Hochstift Osnabrück. Mit etwa 120 Rittersitzen, von denen etwa 60 ins Mittelalter zurückreichen, hat der niedere Adel die Kulturlandschaft vor allem in den fruchtbareren Teilen des Osnabrücker Landes bis heute geprägt. Im 16. Jahrhundert entstanden zahlreiche ländliche Rittersitze, deren "eigentlicher Reichtum" in den Abgaben zahlreicher abhängiger Bauernhöfe bestand. Es folgte ein typologischer Überblick zu Fachwerk-Herrenhäusern des Landadels in Nordwestdeutschland von Sonja Michaels (Stadtmuseum Frankfurt). Sie unterschied aus dem traditionellen Bauernhaus entwickelte "herrschaftliche Hallenhäuser" und ein- bis zweistöckige Fachwerk-Traufenbauten mit hoher Eingangshalle (Diele). Insbesondere die zahlreichen adligen Wohnbauten in Form von Hallenhäusern standen im Mittelpunkt vieler Beiträge; sie wurden von der älteren Forschung wenig beachtet und oft als Wirtschaftsgebäude missverstanden. Dietrich Maschmeyer (Bundesvorsitzender der IGB, Recklinghausen) zeigte die bauliche Vielfalt von adligen Landsitzen im westfälischen Münsterland. Neben den Herrenhäusern spielen hier vor allem repräsentative Torhäuser und "Bauhäuser" als hallenhausartige Wirtschaftsgebäude auf der Vorburg eine wichtige Rolle. Heinrich Stiewe (LWL-Freilichtmuseum Detmold) stellte mehrere adlige Hallenhäuser des 16. Jahrhunderts aus Ostwestfalen- Lippe vor, darunter den 1577 erbauten Valepagenhof aus Delbrück, der heute im LWL-Freilichtmuseum Detmold steht. Hermann Kaiser präsentierte ein bäuerliches Zweiständer-Hallenhaus von um 1540 (d) aus Nortrup (Lkr. Osnabrück), das Ende des 16. Jahrhunderts von der ritterlichen Familie Voß durch eine verbreitete Form des "Bauernlegens" mit Abfindung der Bauernfamilie in einen Adelssitz umgewandelt worden ist. Das wertvolle Gebäude wurde um 1980 für das Museumsdorf Cloppenburg abgetragen und wartet noch auf seinen Wiederaufbau.
Die folgende Sektion "Der Städter auf dem Lande" eröffnete Fred Kaspar mit einem bau- und kulturgschichtlichen Überblick zu Landsitzen wohlhabender Stadtbürger in der Umgebung Münsters. Diese Güter wurden von Pächtern bewohnt und bewirtschaftet, während den bürgerlichen Eigentümern ein aufwändig gestalteter Wohnteil als "Sommerfrische" zur Verfügung stand - bei Versorgung durch den Haushalt des Pächters. Weitere Beispiele verschwundener bürgerlicher Landsitze aus der Umgebung der westfälischen Städte Warendorf (Laurenz Sandmann, Warendorf) und Minden (Peter Barthold, Münster) machten deutlich, dass Bauforschung auch historische Bild- und Schriftquellenforschung bedeutet.
Aktuell untersuchte Fallbeispiele waren das Thema der folgenden Sektion nach der Mittagspause: Vorgestellt wurden adlige bzw. herrschaftliche Hallenhäuser auf den Gütern Koppel bei Verden  (Heinz Riepshoff), Mulmshorn und Bockel, Lkr. Rotenburg (Wolfgang Dörfler) sowie dem Amtsvorwerk Moisburg, Lkr. Harburg (Nils Kagel, Freilichtmuseum am Kiekeberg). Anschließend gab Erhard Preßler einen europaweiten Überblick zu zisterziensische Großscheunen (Grangien) des 13. und 14. Jahrhunderts in Südengland, Nordfrankreich und Flandern als möglichen Vorläufern des Gulfhauses. Wolfgang Rüther berichtete über Gulfscheunen auf landesherrlichen Domänen in der Krummhörn (Ostfriesland), die dort im Verlauf des 17. Jahrhunderts als frühmoderne Großwirtschaftsbauten wohl nach niederländischen Vorbildern entstanden.
Weit über den nordwestdeutschen "Tellerrand" blickte Ariane Weidlich (Oberbayerisches Freilichtmuseum Glentleiten) auf repräsentative Baugestaltungen großbäuerlicher Eliten in Oberbayern, die in der dortigen Forschung als "Bauernadel" bzeichnet werden. Es folgten einige aktuelle Forschungsberichte zum "Brunotteschen Hof" in Rheden-Wallenstedt (Lkr. Hildesheim, Stefan Haar), Hallenhäusern des Schaumburger Landes (Ulrich von Damaros, Rinteln) und einem Dissertationsprojekt zum ländlichen Hausbau in Vorpommern (Mario Schmelter, Greifswald).
Eine letzte Sektion nach dem Abendessen führte zurück zu Tagungsthema und -region mit Vorträgen über Wasserburgen im Grönegau (Maren Tamson und Lea Rattmann), Steinwerke in Osnabrück (Carolin Sophie Prinzhorn) und Kapellenbauten des niederen Adels im Fürstbistum Osnabrück (Josef Herrmann). Zwei Beiträge über Bauten des Hannoverschen Oberhofbaudirektors Friedrich Karl v. Hardenberg (Bernd Adam) und Wohnbauten westfälischer Damenstifte (Thomas Spohn, Münster) beschlossen den langen Vortragstag.
Die Exkursion am Sonntag, 27. März, führte zu adligen Landsitzen im Landkreis Osnabrück und ins südlich angrenzende Münsterland - in fruchtbarer Kooperation mit der LWL-Denkmalpflege in Westfalen (Fred Kaspar).
Insgesamt bot die Tagung anhand von aktuellen Forschungsergebnissen einen breiten Überblick zum adligen und bürgerlichen Bauen und Wohnen auf dem Lande zwischen dem Spätmittelalter und dem 19. Jahrhundert; die Herausgabe eines Tagungsbandes ist geplant.
H.St.
 
 
 
 
 
Hausbau im Dreißigjährigen Krieg und Viehaufstallung:
Bericht von der 22. Tagung der Regionalgruppe Nordwest in Verden, 19.-20. März 2010

 
Das riesige Dachwerk des Verdener Domes und sechs nicht weniger eindrucksvolle Bauernhäuser aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges waren Exkursionsziele der 22. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Haus- und Gefügeforschung in Nordwestdeutschland in der IGB, zugleich Regionalgruppe Nordwest des AHF, die vom 19. bis 21. März 2010 in Verden/Aller stattfand. Außerdem gab es interessante Vorträge zu Fragen der Viehaufstallung und "freien Themen".
Der Bundesvorsitzende der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB), Dietrich Maschmeyer, begrüßte die anwesenden Teilnehmer; Heinrich Stiewe überbrachte Grüße vom Vorstand des AHF. Mit knapp 100 Teilnehmern war die Tagung sehr gut besucht.
Ein Novum war, dass bereits zu Tagungsbeginn eine Exkursionsbroschüre in Buchform vorlag: Unter dem Titel "Bauernhäuser aus dem Dreißigjährigen Krieg" (hg. von Wolfgang Dörfler, Heinz Riepshoff und Hans-Joachim Turner) enthält sie ausführliche Berichte und Zeichnungen zu den Exkursionsobjekten und ergänzende Beiträge aus anderen Regionen. Auch Gerhard Eitzen (+ 1996) und Ulrich Klages (+ 2007) sind mit Aufsätzen vertreten. Die Broschüre erscheint als Band 3 der "Holznagelschriften" der IGB ("Gelbe Reihe") und konnte aus Überschüssen vergangener Tagungen finanziert werden. Jeder Teilnehmer erhielt ein Exemplar ausgehändigt; weitere sind bei der IGB, Postfach 1244, D-28859 Lilienthal erhältlich (per Fax: 04792 / 4717 oder im Internet unter
www.igbauernhaus.de/Unsere Themen/Marktplatz).
Die Außenstellen Verden und Rotenburg der IGB hatten sich in diesem Jahr zusammengetan, um die Tagung zu organisieren. Luise Knoop war für die Organisation vor Ort und das Korrekturlesen des Exkursionsbandes verantwortlich; Hans-Joachim Turner, Heinz Riepshoff und Wolfgang Dörfler kümmerten sich um Programm und Exkursionsvorbereitung. Unterstützt wurden sie von Hedda Riepshoff, Ludwig Fischer und Bernd Kunze, der das Layout und den Druck der Broschüre besorgt hat.
 
Das Dachwerk des Verdener Domes
Die Besichtigung des mittelalterlichen Dachwerks des Verdener Domes eröffnete am Freitagnachmittag das Tagungswochenende. Als sich die Teilnehmer den Wendelstein zum Dachstuhl hochgearbeitet hatten, erwartete sie ein Wald von Hölzern, die  im Querschnitt ein ca. 60 Grad steiles, nahezu gleichseitiges Dreieck von etwa 30 m Seitenlänge bilden, das von zwei mächtigen Ständerreihen im Innern getragen wird - das bisher älteste bekannte Beispiel eines "aufgeständerten Kehlbalkendaches". Erhard Preßler und Heinz Riepshoff erläuterten die Bauphasen, die sie in mehrjähriger dendrochronologisch-gefügekundlicher Forschungsarbeit ermitteln konnten. Es lassen sich vier Bauabschnitte unterscheiden, die mit den urkundlich bekannten Daten zur Baugeschichte des 1290 begonnenen gotischen Domes korrespondieren: 1306-09 (d) wurde das Dachwerk über dem östlichen Umgangschor und dem Querhaus gerichtet, 1326 (d) folgte das östliche Langhausjoch und nach einer finanziell bedingten Bauunterbrechung von gut 150 Jahren wurde 1478 (d, Weihe 1480) das Langhaus bis zu dem romanischen Südwest-Turm geschlossen (eine geplante Doppelturmfassade blieb unvollendet). Bemerkenswert ist, dass der ursprüngliche Plan des Dachwerks aus dem frühen 14. Jahrhundert von den späteren Zimmermeistern fast unverändert fortgeführt wurde, so dass das gesamte Dachgerüst heute sehr einheitlich erscheint. Nach dem Kriegsverlust des Daches über dem Wiener Stephansdom besitzt der Verdener Dom eines der größten mittelalterlichen Dachwerke Europas. In einem ersten Abendvortrag fasste Erhard Preßler seine Forschungsergebnisse zusammen, illustriert durch ein präzises, selbst gebautes Modell des Langhausdaches im Maßstab 1:50, das 2009 in der Ausstellung "Roofs of Europe" in Paris zu sehen war. Ein weiteres Modell des vollständigen Dachwerks wird am 7. Mai im Verdener Dom der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zwei weitere Vorträge am Freitagabend boten eine kurzweilige Einführung in die verwickelte Landesgeschichte der Bistümer Verden und Bremen als Tagungsregion (Wolfgang Dörfler) und eine beispielhafte Vorstellung dreier prächtiger Fachwerkbauten (Heinz Riepshoff), die alle im Jahre 1621 errichtet wurden, das in der hiesigen Region noch zur „Vorkriegszeit“ des Dreißigjährigen Krieges zu zählen ist.
 
Vorträge:
Viehaufstallung und "freie Themen"
Das Sonnabendprogramm eröffnete Haio Zimmermann mit einem sehr anschaulichen archäologischen Überblick über 4.000 Jahre Viehhaltung im Stall. Er wies auf den wortgeschichtlichen Zusammenhang von "Vieh" und Reichtum/Geld hin und erläuterte die Aufstallungsrichtung (Kopf zur Außenwand bis in die frühe Neuzeit) unter anderem anhand eines eindrucksvollen Beispiels, eines eisenzeitlichen Hauses aus N¢rre Tronders bei Ålborg (Dänemark), in dem nach einem Brand die Skelette von sechs Kühen, einem Pferd, einer Familie mit Kind, drei Schafen und einem Schwein in situ erhalten geblieben waren. Während in den älteren Perioden von der Bronzezeit (Hahnenknooper Mühle bei Wilhelmshaven) bis zur römischen Kaiserzeit (Feddersen Wierde u.v.a.) dreischiffige Wohnstallhäuser mit auffallender Ähnlichkeit zum neuzeitlichen Hallenhaus verbreitet waren, in denen das Vieh in seitlichen Stallboxen mit den Köpfen zur Außenwand stand, setzten sich im frühen Mittelalter einschiffige Rauchhäuser ohne Viehaufstallung durch - das Vieh war nun in anderweitigen Unterständen auf dem Hof oder in Außenlage untergebracht. Schweine wurden unter anderem in Erdhöhlen, aber auch in steinzeitlichen Großsteingräbern gehalten, Pferde in halbwilder Waldweide. Als Gründe für einen erneuten Wechsel zur Stallhaltung im hohen Mittelalter zählt er auf: Winterfütterung, Ställe als Dungsammelstätte, Schutz gegen Viehdiebstahl, Schonung von Wald und Weide, das Melken der Muttertiere sowie die Aussonderung und Pflege kranker Tiere.
Anschließend formulierte Dietrich Maschmeyer anhand zahlreicher Beispiele aus Nordwestdeutschland ungeklärte Fragen zur Viehaufstallung im Hallenhaus und seinen Nebengebäuden. Die Pferdehaltung in älteren Häusern mit Vorderkübbung wurde durch den Anbau oft stark separierter Pferdeställe hinter (neu aufgerichteten) Steilgiebeln ersetzt.
Spannend ist die Fragestellung zur Unterbringung der Kühe in den Kübbungen des Zweiständerhauses, die im 15. und 16. Jahrhundert mit einer Tiefe von 1,5 m auch für die damals anzunehmenden kleinen Rinderrassen für eine Aufstallung in Kleinboxen zu kurz gewesen sein müssen. Im Laufe des 16. Jahrhunderts erreichen die Ställe dann Tiefen von über zwei Metern, die die heute bekannte Aufstallung mit den Köpfen zur Diele zwischen den Hauptständern ermöglichte. Im Osnabrücker Artland gab es größere Stallräume mit sehr engen Fressgittern ohne Anbindevorrichtungen, was auf ein freies Bewegen des Viehs in den Kübbungen schließen lässt. In anderen Landschaften (Westfalen, Lippe) gab es niedrige waagerechte "Kuhnackenriegel" zwischen den Ständern, um das Eindringen der Rinder auf die Diele zu verhindern. Insgesamt ergab die Diskussion auch vor dem Hintergrund hoher Viehzahlen auch in kleineren Häusern eine mangelnde Vorstellung über die wirklich Größe des Hornviehs im Spätmittelalter, die Funktion der Kübbungen in den ältesten Hallenhäusern und den Ort der Aufstallung dieser wichtigsten Viehgattung.
Ein Kurzvortrag von Hans-Joachim Turner zeigte an mehreren Beispielen die vielfältigen Spuren von Kuhanbindevorrichtungen in Häusern des 16. bis 19. Jahrhunderts in Norddeutschland. Er diskutierte auch den Raumbedarf der Tiere. Bei der Exkursion sahen wir in Ramelsen (Lk. Verden) ein Haus von 1639 (d), in dem die mit 50 cm „überbreiten“ Ständern der Diele später etwa um ein Drittel ihrer Breite „heruntergebeilt“ worden waren, um eine dritte Kuh  zwischen zwei Ständern unterbringen zu können. In diesem wie auch in vielen anderen älteren Häusern war schließlich im 19. Jahrhundert eine Verschiebung der Ständerreihen um etwa 1 bis 1,5 m zur Diele hin vorgenommen worden, um die Tiefe der Kübbungen der Größe der Kühe anzupassen und Platz für einen Mistgang hinter den Tieren zu schaffen. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass eine interdisziplinärer Austausch mit Agrarhistorikern und Paläozoologen dringend erforde¬lich ist, um in der Frage nach der Größe und Aufstallung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Nutztiere (insbes. Rinder und Pferde) zu gesicherten Ergebnissen zu kommen. Außerdem kam es zu einem Schlagabtausch zwischen den Vertretern der Meinungen, dass es in den frühneuzeitlichen Ställen trotz der Körperwärme des Viehs sehr kalt (nur wenige Grad über Außentemperatur) oder aber verhältnismäßig warm und damit weitgehend frostfrei gewesen sei. Hier stehen sich "gefühlte" Erfahrungswerte von Landwirten und Hausforschern, die die Viehaufstallung im Hallenhaus noch in jüngerer Zeit aus eigenem Erleben kennen und Messergebnisse gegenüber, wie sie etwa das Museumsdorf Cloppenburg vor über 30 Jahren in einem mit Vieh besetzten Bauernhaus durchführen konnte (Hermann Kaiser). Diese Diskussion kann nur durch weitere Temperaturmessungen in Hallenhäusern mit traditioneller Viehaufstallung versachlicht werden, die die Wärmeverhältnisse in milden und strengen Wintern berücksichtigen.
Christine Scheer stellte die Viehaufstallung im "Husmannshus" (Hallenhaus) und dem "Barghus" (Haubarg/Gulfhaus) als den beiden grundverschiedenen Haustypen der Kremper- und Wils-termarsch unter funktionellen Gesichtspunkten vor. Sie zeigte wie in den Hallenhäusern der Region die Kuhställe vollständig durch Klappen und Holzverschläge von der (Dresch-)diele abgetrennt wurden; in der Diskussion wurde der Zusammenhang zwischen Augenkrankheiten des Hornviehs und dem beim Dreschen auf der Diele entstehenden Staub angesprochen. Im Barghus wurden die Tiere primär mit dem Kopf zur Außenwand aufgestallt, doch wurde die Aufstallungsrichtung häufig später umgekehrt und damit der in den anderen Haustypen üblichen Form angepasst.  
Im folgenden Vortrag berichtete Bernd Adam aufgrund erhaltener Baupläne über "Vieh- und Kornhäuser, multifunktionale Großbauten auf Amtshöfen des 18. Jahrhunderts". Er zeigte mehrere Bauten des hannoverschen Landbaumeisters Christian Ludwig Ziegler (1748-1818), dessen zeichnerischer Nachlass kürzlich im Stadtarchiv Peine wiederentdeckt worden ist (s. Bernd Adam und Thorsten Albrecht: Christian Ludwig Ziegler (1748-1818). Kurhannoverscher Landbaumeister und Architekt von Kloster Medingen. Petersberg 2009). Bei einem Entwurf zum Neubau eines Schafstalls ging Ziegler davon aus, dass der Schafmist im Laufe des Winters zu einer 1,2 m hohen Schicht anwachsen würde und also eine recht hohe Balkenlage sowie Öffnungen zum Belüften des Stallraums unter der Dachtraufe vorzusehen seien. Diese Öffnungen benötigten aus Sparsamkeitsgründen keine verschließbaren Klappen, da auch im Winter die gute Durchlüftung wichtiger als der Kälteschutz war. Eine praktische Besonderheit sind die runden Sandsteinsockel unter den ebenfalls abgerundeten Ständern des Gerüstes, die Abriebverluste bei der Schafwolle verringern sollten. Für das Kloster St. Michaelis in Lüneburg entwarf Ziegler lieber wenige große Wirtschaftsgebäude mit kombinierter Nutzung als eine Mehrzahl kleiner Gebäude, da die Unterhaltungskosten dann deutlich günstiger wären. So baute er auch auf anderen Amtshöfen große, multifunktionale Wohn-, Stall- und Vorratsgebäude wie z.B. das Amtshaushaltsgebäude von 1780 in Fallersleben. Bemerkenswert ist die räumliche Differenzierung der Schweineställe seiner Bauten sowie ein massiv ausgeführter Raum mit Schornstein, den man bereits als Futterküche interpretieren möchte.
Volker Gläntzer hatte das alternative Motto der Tagung "Der spannendste Befund der letzten drei Jahre" ernst genommen und berichtete über ein Wirtschaftsgebäude des Gutes Schleppenburg bei Iburg (Lk. Osnabrück). Das in seiner heutigen Erscheinungsform als Doppelheuerhaus mit zwei traufseitigen Toreinfahrten angesprochende Gebäude gab nach akribischer dendrochronologisch-gefügekundlicher Untersuchung eine äußerst differenzierte Baugeschichte preis: Von einem Dreiständerbau des Jahres 1491 waren 1615 einzelne Balken weiterbenutzt worden, um auf dem Gutshof erneut ein dreiständriges Haus mit großem Giebeltor und ohne Wohnteil, ein Viehhaus also, zu errichten. Bereits 1656 wurde das Tor an die Traufseite verlegt, da das Gebäude jetzt mit beiden Giebeln an eine Gräfte grenzte. Erst im 19. Jahrhundert erhielt das Gebäude unter Entfernung eines Innenständers und Einfügung einer Unterschlagskonstruktion das zweite Tor. Ab wann die zuletzt bestehende Wohnnutzung einsetzte, ist derzeit noch ungeklärt. Glücklicherweise hat sich ein örtlicher Verein gefunden, der das wertvolle Gebäude behutsam repariert und einer extensiven Nutzung zuführen will.
Den Abschluss des Vormittagsprogramms bildete ein Arbeitsbericht von Joseph Pollmann über einen Schafstall auf dem Finkenhof in Oberhundem-Schwartmecke (Kreis Olpe) im westfälischen Sauerland. Der Hof ist seit dem 16. Jahrhundert als Schäfereibetrieb belegbar; ein Vierständer-Haupthaus von 1685 und ein bisher undatierter Schafstall blieben erhalten.
Das komplexe Gefüge dieses in den Hang gebauten Gebäudes mit 3,4 m langen Eichenständern, die auf etwa 1 m hohen Porphyr-Säulen stehen und bis ins Dachwerk reichen, bedarf noch einer genaueren Untersuchung. Die auf den Traufwänden ruhenden Balken bilden offenbar keine dichte Decke über den Schafstall; seitliche Räume waren durch solide Bohlenwände vom mittleren Stallraum und einer anschließenden Querdiele mit rückwärtigem Keller abgetrennt.
Nach der Mittagspause berichtete Frank Högg über drei Bauernhäuser des 17. und 18. Jahrhunderts im westlichen Südharz - einer hauskundlich unerforschten Region, die derzeit von einer heftigen Abbruchwelle betroffen ist. Die gezeigten Beispiele aus Branderode (1654/55 d), Werna (1703, verlängert 1773/74 d) und Friedrichstal (1713/14 d) sind zweistöckige mitteldeutsche Ernhäuser in Stockwerkbauweise, die vor ihrem nicht mehr zu verhindernden Abbruch vom Referenten im Auftrag der Denkmalpflege dokumentiert wurden. Die Entwicklung verläuft von qualitätvollem Nadelholzfachwerk des 17. Jahrhunderts mit reichen Profilen, Schiffskehlen und "Leiterbrüstungen" zu schlichteren Gefügen des 18. Jahrhunderts mit abgerundeten Balkenköpfen und K-Streben. Zahlreiche originale Details wie bauzeitliche Schiebefenster, Türen und Treppengeländer, von denen der Referent nur wenige retten konnte, unterstreichen die lebendige Vielfalt einer noch weitgehend unbekannten Hauslandschaft, die infolge von Abwanderung und demografischem Wandel verloren zu gehen droht.
Mit ihrem Beitrag zur "hohen Rauchküche" im Bauernhaus des hannoverschen Wendlandes knüpften Knut Hose und Dirk Wübbenhorst an die letzte Tagung in Hitzacker an und boten neues Material zur wichtigen Frage von Herdraum und Küche. Nach aktuellen Befunden in mehreren älteren Gebäuden gab es im Wendland vor 1800 zwar auch Flettdielenhäuser, doch bestand in ihnen eine funktionale Differenzierung zwischen der nicht so intensiv genutzten Feuerstelle auf dem Flett und einer weiteren Herdstelle im mittleren Raum des Kammerfaches. Dieser war ursprünglich zweigeschosshoch war und kann damit als "hohe Küche" angesprochen werden. In ihm se¬hen die Referenten einen "Multifunktionsraum" als Hauptwohn- und Aufenthaltsraum des Hauses, der erst im 19. Jahrhundert durch eine nachträglich eingezogenen Balkendecke unterteilt und durch den Einbau einer Rauchglocke mit Schornstein rauchfrei gemacht wurde. Die letzten Bauernhäuser mit einer "hohen Küche" im Kammerfach wurden im Wendland noch im frühen 19. Jahrhundert gebaut und konnten auf der letztjährigen Exkursion besichtigt werden (z.B. in Diahren, 1808).
Stefan Amt berichtete über ein aktuelles dendrochronologisch-gefügekundliches Forschungsprojekt zu den hölzernen Glockentürmen der Lüneburger Heide, das er derzeit mit Studierenden der Universität Braunschweig und der FH Hildesheim durchführt. Bisher wurden drei von 44 bekannten Holztürmen neu aufgemessen und dendrochronologisch datiert - mit z.T. erheblichen Abweichungen von den bisherigen Altersschätzungen: Meinerdingen, 1383/84 (d, bisher geschätzt "nach 1500", näheres dazu im Beitrag des Verf. im IGB-Band "Geschichtsdokument Bauwerk"); Munster, 1556 (d, bisher angebl. 1518 nach Blitzschlag); Wietzendorf, 1545 (d, bisher nach Wetterfahne 1749). Hölzerne Glockentürme sind außerdem in Schleswig-Holstein, England, Skandinavien und Osteuropa verbreitet; eine Vernetzung zu einem "European Research Institute on Wooden Belltowers" ist geplant.
Dieter L. Schwarzhans berichtete über seine frühere Tätigkeit beim LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur in Münster, wo er an dem digitalen Kulturlandschaftskataster KuLaDig  der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland (
www.kuladignrw.de) mitgearbeitet hat. Am Beispiel alter Hofstellen im heutigen Stadtteil Henrichenburg der Stadt Castrop-Rauxel zeigte er die Vielfalt erhaltener bäuerlicher Kulturlandschaftselemente und Siedlungsformen (Einzelhöfe, Drubbel) in der Industrielandschaft des Ruhrgebietes, die im Rahmen des Projektes kartiert und für die Internet-Präsentation aufbereitet wurden. Ausgehend vom Urkataster von 1823 werden die gewaltigen Veränderungen der Kulturlandschaft infolge der Industrialisierung deutlich. Daran anknüpfend stellte Thomas Spohn fest, dass die bis heute sichtbaren bäuerlichen Elemente im Ruhrgebiet bei den aktuellen Projekten zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr "Ruhr.2010" kaum Berücksichtigung finden. In seinem aus diesem aktuellen Anlass entstandenen Vortrag berichtete er über die Lebensmittelversorgung des "Reviers" aus seinem ländlichen Umland. Spätestens seit der Hochindustrialisierung (seit ca. 1880) war das Ruhrgebiet zur Versorgung sei¬ner stark anwachsenden Bevölkerung auf Lebensmitteleinfuhren aus ganz Westfalen und Teilen Nordwestdeutschlands angewiesen; die Herkunftsregionen einzelner Produkte (Gemüse, Milch, Fleisch) umgaben das Ruhrgebiet wie breite Jahresringe (Müller-Wille 1952) und die Eisenbahn ermöglichte den schnellen und kostengünstigen Transport in den Ballungsraum. So  wurden die Bauern in der näheren und weiteren Umgebung zu den "frühesten Profiteuren der Industrialisierung", die daraufhin ihre Höfe modernisierten. Davon legen zahlreiche neue Hofanlagen mit massiven, separaten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden Zeugnis ab, die im engeren Ruhrgebiet schon seit den 1850er Jahren entstanden, aber auch Neubauten für bäuerliche Genossenschaften, Molkereien, Schlachthöfe usw. Hier eröffnet sich ein weites Feld für die ländliche Hausforschung, das bisher erst ansatzweise bearbeitet ist. Wie auch weiter entfernte Regionen sich auf die Versorgung industrieller Ballungsräume insbesondere im Ruhrgebiet spezialisieren konnten, zeigte später Heinz Riepshoff in seinem öffentlichen Abendvortrag über "Schweine in der Grafschaft Hoya": Nach dem Bau der Eisenbahnlinie Hamburg-Venlo 1873, die einen schnellen Absatz ins Ruhrgebiet ermöglichte, entwickelte sich die frühere Grafschaft zum "schweinereichsten Kreis des preußischen Staates". Jeder Kleinstellenbesitzer hielt mehrere Mastschweine und schon um 1900 bestanden große Mästereien mit über 1.000 Tieren, die mit Fischmehl und billiger russischer und rumänischer Futtergerste, die über Bremen importiert wurde, gefüttert wurden. Die heutige "Veredelungswirtschaft" etwa im Raum Südoldenburg hat hier ihre frühen Vorläufer, die ohne die Absatzmöglichkeiten im Ballungsraum des Ruhrgebietes nicht denkbar wären.
 
Exkursion zu Bauernhäusern aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges
Am Ende des ergiebigen Vortragstages stimmte Wolfgang Dörfler das keineswegs ermüdete Publikum mit einem weiteren Abendvortrag zum Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) in der Region Rotenburg auf die Exkursion ein. Er stellte die wichtigsten Kriegsparteien in Norddeutschland vor, wo erzbischöflich-bremische, kaiserlich-katholische, protestantische, dänische und schwedische Truppen durchzogen und das Land abwechselnd besetzt hielten - bis 1645 die Schweden die Bistümer Bremen und Verden in Besitz nahmen, was durch den Westfälischen Frieden 1648 bestätigt wurde und bis 1712 andauern sollte. Insgesamt gehörte der Norden des heutigen Landes Niedersachsen trotz wiederholter Durchzüge zu den weniger stark von Kriegszerstörungen betroffenen Gebieten - was durch eine Reihe von eindrucksvollen Hallenhaus-Neubauten aus den Kriegsjahren bestätigt wird.
Die Exkursion am Sonntag führte zu sechs Bauernhäusern in den Landkreisen Verden und Rotenburg, die alle während des Dreißigjährigen Krieges oder unmittelbar danach erbaut wurden. Von einer kleinen Brinkkötnerstelle in Eitze (1637-39 d, ursprünglich mit Vorder- und Hinterkübbungen) über mittelbäuerliche Häuser (Holtum Geest Nr. 10, 1651 d) bis zu großen Vollhofgebäuden (Hassendorf Nr. 6, heute Heimathaus in Sottrum, 1626-1631 d; Ramelsen Nr. 1, 1639 d) handelt es sich um prächtig verzimmerte Zweiständerbauten aus sehr wuchtigen Bauhölzern, die nichts von kriegsbedingter Not oder Armut spüren lassen. Das eindrucksvollste Beispiel ist sicherlich das schon von Gerhard Eitzen beschriebene "Cohrs Hus" in Riekenbostel von 1640, ein mittelbäuerliches Haus mit einer 8,70 m breiten Diele und gewaltigen Holzdimensionen (Dielenständer bis zu 53 x 33 cm, Deckenbalken 55 x  42 cm, jeweils breitkant, Luchtriegel 77 x 26 cm hochkant) - das von den Teilnehmern in frisch restauriertem Zustand besichtigt werden konnte. Überhaupt war die Exkursion auch ein Lehrstück für beispielhafte Restaurierungen von großvolumigen Hallenhäusern, herausragend sicherlich die behutsame Translozierung des Baudenkmals "Hinners Hoff" in Benkel von 1647 (d) einschließlich der kunstvollen Kieselpflasterung im Flett von 1797 (vgl. Ludwig Fischer: Ein Haus zieht um. Lilienthal: IGB 2002).
In Bezug auf die Zeitumstände des Dreißigjährigen Krieges drängt sich angesichts dieser prächtigen, holzreichen Neubauten der Verdacht auf, dass einige Bauern auf unzerstörten Höfen in Norddeutschland von den Zerstörungen des Krieges in anderen Regionen profitierten - etwa durch hohe Getreide- und Bauholzpreise, doch wäre dies noch durch interdisziplinäre Forschungen in Zusammenarbeit mit Wirtschafts- und Agrarhistorikern zu bestätigen. Dass die Hausforschung zu dieser Frage aufschlussreiches Material beitragen kann, zeigen die während der Verdener Tagung besichtigten Bauten und die Beiträge der dazu erschienenen Exkursionsbroschüre auf eindrucksvolle Weise.
 
Wolfgang Dörfler
Heinrich Stiewe

Tagungsprogramm

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