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Hartmut Wenzel (1938-2008) Am 4. September 2008 verstarb im Alter von 70 Jahren unser Lehrer und Doktorvater Professor Hartmut Wenzel in Weimar. Nach seiner Emeritierung und der darauffolgenden Auflösung seines Lehrstuhls für Dorfplanung und ländliche Bau- und Siedlungsgeschichte im Jahre 2003 – aufgrund ökonomischer Überlegungen und eines allgemeinen Paradigmenwandels im Ausbildungs- und Forschungsprofil der Bauhaus-Universität Weimar – lebte er in den vergangenen Jahren zurückgezogen und vertieft in verschiedenste siedlungs- und regionalgeschichtliche Forschungsarbeiten in seiner Wahlheimat Thüringen. Hartmut Wenzel wurde am 15. Februar 1938 als zweites von drei Kindern im niederschlesischen Neumarkt geboren und wuchs im nahegelegenen Dorf Hulm auf, wo sein Vater als Lehrer tätig war. Auf der Flucht vor der heranrückenden Front 1945 und nach der anschließenden Vertreibung wurde seine Familie schließlich 1947 in das thüringische Erfurt verschlagen. Hier wurde er aufgrund seiner musischen Talente als Schüler in die Erfurter Singschule aufgenommen. Die klassisch-humanistische Bildung an dieser Schule prägte wesentlich seinen weiteren Lebensweg und weckte in ihm unter anderem seine lebenslange Liebe zu den Schriften der deutschen Klassik. Nach einer Maurerlehre begann Hartmut Wenzel 1957 ein Architekturstudium an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar. Nach dessen Abschluss 1963 wurde er wissenschaftlicher Assistent am dortigen Lehrstuhl für Dorfplanung unter der Leitung des Bauhausschülers Konrad Püschel. Zu dieser Zeit bestimmten Planungsaufgaben das Profil dieses Lehrstuhls, die im Zusammenhang mit der Genossenschaftsbildung und der dadurch beschleunigten Industrialisierung der Landwirtschaft standen. Die unumkehrbaren und gravierenden Veränderungen, die diese Entwicklung in den ländlichen Siedlungen auslöste und die damit verbundenen unwiederbringlichen Verluste wertvoller kulturgeschichtlicher Zeugnisse dürften wohl ein wesentlicher Auslöser für das zunehmende Interesse Hartmut Wenzels an der historischen Entstehung der im Verschwinden begriffenen Kulturlandschaft gewesen sein. Einen überregionalen Austausch für seine Forschungen auf diesem Gebiet fand er auf den Tagungen des damaligen Arbeitskreises für Haus- und Siedlungsforschung, dem er noch in dessen Anfängen – in den 60er Jahren – beigetreten war. Neben der ländlichen Hausforschung im engeren Sinn begann in dieser Phase auch seine Beschäftigung mit den historischen Strukturen ländlicher und kleinstädtischer Siedlungen im Weimarer Umland und insbesondere der Wüstungsgeschichte dieser Region. Nach seinem Wechsel an den Lehrstuhl für Städtebau 1972 konnte er sich diesem Interesse nur noch außerhalb der beruflichen Verpflichtungen widmen. Um so mehr suchte er seine bau- und siedlungsgeschichtlichen Kenntnisse in den Gründungsprozess des Mittelthüringischen Freilichtmuseums in Hohenfelden – südlich von Weimar – einzubringen, dem er schließlich seit 1979 als erster Direktor vorstand. Dabei setzte er bereits während der Vorplanungen hohe wissenschaftliche Maßstäbe. So suchte er mit der vorgeschlagenen Nutzung zweier Wüstungsstand- orte zum Aufbau großer Teile des Museums eine siedlungshistorisch fundierte Einbindung der translozierten Bauten in die Landschaft zu erreichen. In der Ausein- andersetzung mit pragmatischen Anforderungen, zuweilen auch wissenschaftsre- sistenter Einflussnahme von verschiedensten Seiten, wurden viele seiner grundlegen -den Ideen geopfert. Dabei trug auch seine ihm eigene Bedingungslosigkeit in Bezug auf historische Exaktheit oft genug dazu bei, Kompromisse zwischen An- spruch und realen Bedingungen von vornherein auszuschließen. So empfand er die weitere Entwicklung des Freilichtmuseums schließlich als eine persönliche Niederlage, die mit der Beendigung seiner Leitungstätigkeit 1990 besiegelt wurde. Im selben Jahr kehrte er an die Hochschule für Architektur und Bauwesen zurück, wo er seine aus umfangreichem Material erarbeitete Dissertation zu den methodischen Grundlagen der Wüstungsforschung verteidigte. Den Neuanfang an der Weimarer Hochschule sah er als Chance, seinem wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden und diesen an die nachfolgende Generation weiterzugeben. Er begann mit scheinbar unerschöpflicher Energie – zunächst noch am Lehrstuhl für Städtebau, seit 1992 in einer Vertretungsprofessur und ab 1993 schließlich mit eigenem Lehrstuhl für Entwerfen und ländliches Bauen – mehrere Vorlesungsreihen aufzubauen, begleitet von akribisch vorbereiteten Exkursionen und Seminaren. In dieser Zeit lernten wir, seine Studenten und späteren Doktoranden, ihn als einen passionierten Lehrer und ruhelosen Forschergeist kennen. Die Breite seiner Forschungen zur historischen Kulturlandschaft reichte von der archäologischen Siedlungsforschung über die historisch-geografische Siedlungs-und Hofanalyse, die historische Hausforschung bis hin zu restauratorischen Detail-Untersuchungen wie etwa zur Bestimmung historischer Farbigkeit. Seine Vorlesungsreihen machten sein Fach innerhalb weniger Jahre zu einem der meistgehörtesten Lehrgebiete der Fakultät Architektur, Stadt- und Regionalplanung und wurden zu einer der wenigen Gegentendenzen in der zunehmenden Entwicklung zur Beliebigkeit vieler Fachbereiche. Als Lehrer vermittelte er uns die Lebendigkeit regionaler Geschichte, öffnete uns die Augen für ihre Spuren in Landschaft und Bauten und forderte unsere unbegrenzte Wissbegierde. Er ermutigte uns, Widersprüchliches zu hinterfragen und eigen- ständig zu denken. Seine Unbedingtheit und Unnachgiebigkeit in Wissenschaft und Lehre ließen ihn auch an der Universität oft genug Grenzen erreichen, deren Akzeptanz ihm unannehmbar erschien. Ebenso unnachgiebig forderte er den Respekt vor der wissenschaftlichen Leistung dritter. Die durch die geringe Publikationskultur in der DDR zuweilen nur handschrift- lich oder gar nur im Gedächtnis überlieferten, aber darum nicht weniger profunden hauskundlichen Kenntnisse vieler ostdeutscher Hausforscher fanden im Entdecker- überschwang nach der politischen Wende bei den nachfolgenden Bauforschern zu- weilen wenig bis gar keine Beachtung. Die Wunde dieser Nichtachtung schmerzte ihn bis zu seinem Tod und ließ ihn bereits 1997 – im Gefolge der Erfurter Jahres- tagung – aus dem Arbeitskreis für Hausforschung, dem er erst wenige Jahre zuvor (1990) beigetreten war, wieder austreten. In dieser Zeit begann sein allmählicher Rückzug aus dem öffentlichen wissenschaft- lichen Diskurs, der ihn schließlich nach seiner Emeritierung seine wissenschaft- lichen Kontakte auf einige wenige reduzieren ließ. Wir – seine Schüler – schätzen uns glücklich, bis zum Schluss zu diesem engen Kreis gehört zu haben und erinnern uns in Dankbarkeit an Professor Hartmut Wenzel als einen brillanten und streitbaren Lehrer und Wissenschaftler. Katja Laudel, Berlin Carsten Liesenberg, Rostock Hans Dirk Hoppe, Langenchursdorf/Sachsen Torsten Lieberenz, Niederzimmern/Thüringen ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Nachruf Josef Vareka 1927-2008Nachruf Hartmut Wenzel (1938-2008)
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